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Was du nicht siehst – Fünf Blinde FotografInnen vom 10. – 31. März in der Galerie Kungerkiez in Treptow

Dass wir hier so lange nicht aktiv waren, heißt nicht, dass wir in der Zwischenzeit untätig waren. Ganz im Gegenteil:-)
„Was du nicht siehst“
ist die bisher größte Ausstellung Blinder Fotografen in Berlin.

Ich zitier mal aus dem Pressematerial: Die beharrliche Beschäftigung mit der Fotografie, die Entwicklung der für Blinde Fotografen nötigen bzw fruchtbaren Vorgehensweisen und Techniken, vor allem die Ausbildung von sehenden Assistenten, die ihnen die Bilder vom Entwurfsstadium bis zum endgültigen Werk minutiös beschreiben, sowie die Entwicklung einer ausgetüftelten Technik des “Lightpaintings“, die es ihnen erlaubt, das Motiv vor der Kamera weitgehend zu kontrollieren, verhalfen ihnen zur Entwicklung individueller künstlerischer Handschriften und zu Bildern, die nur sie machen können.

Fotografie von Blinden ist Teamwork, aber der blinde Fotograf, die blinde Fotografin ist das kreative Zentrum. Jeder Fotograf braucht eine Vorstellung, eine Vision von dem Bild, das er machen möchte. Wenn ihm diese Vorstellung fehlt, kann er nur aufs Geratewohl drauflos knipsen – und auf den Zufall hoffen. Daher gibt es so viele schlechte Fotos. Blinde Fotografen hingegen kultivieren diese innere Vision und realisieren sie mit einem Apparat, zu dem nur eben etwas mehr gehört als die Kamera selbst.

Bestandteil der Ausstellung ist ein temporäres Lightpaintingstudio, das es erlaubt, sich selbst einen Eindruck davon zu verschaffen, wie Blinde Fotografen arbeiten. Es bietet aber auch die Möglichkeit, sich von einer Blinden FotografIn portraitieren zu lassen.

Die Daten nochmal:

Galerie Kungerkiez, 10. – 31. März 2018

Was du nicht siehst

Fünf Blinde FotografInnen

Susanne Emmermann – Mary Hartwig – Silja Korn – Andreas Krüger – Gerald Pirner

Vernissage: 09.03.18, 19 UHR

Galerie Kungerkiez, Karl-Kunger-Str. 15, 12435 Berlin

Geöffnet  Do – So 15-19h

Bestandteil der Ausstellung ist ein temporäres Lightpaintingstudio, das es Ihnen ermöglicht mitzuerleben, wie die Blinden FotografInnen arbeiten. Es bietet Ihnen aber auch die Gelegenheit, sich von einer Blinden FotografIn portraitieren zu lassen.

Fototermine jeweils Samstags und Sonntags um 15h

Führungen nach Vereinbarung in der Galerie

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100 Meisterwerke (67): Jackson Pollock, Number 33

Da ich von dem Bild keine gemeinfreie Darstellung im Internet gefunden habe, hier der Link:

https://bombmagazine.org/articles/1985/01/01/number-33/

Ein abstraktes Gemälde in Schwarz und Weiß. Auf einem hellgrauen Untergrund breitet sich ein schwarzes Gewirr aus Linien und Klecksen aus. Darüber legen sich weiße Schlieren einer zähflüssiger wirkenden Farbe. 

Das schwarze Liniennetz ist in der Bildmitte sehr dicht, so dass es eine Fläche ergibt, zu den Bildrändern hin dünnt es sich aus. Man erkennt die einzelnen dünnen und weniger dünnen Linien. Die Linien verlaufen kreuz und quer in alle Richtungen. Sie sind zumeist gerade, nicht gekrümmt, wie Farbspritzer. 

Darüber die weißen Linien sind hingegen geschwungen, manche bilden Schleifen, manche verlaufen fast parallel zueinander, auch sie von unterschiedlicher Stärke. Die Kleckse wirken wie Verdickungen. 

Wenn wir abstrakte Bilder beschreiben, merken wir, wie uns dafür die Worte fehlen. Unsere Sprache ist eminent gegenständlich. Aber auch gegenständliche Bilder, sogar Fotografien, haben einen malerischen Aspekt. Wie grob oder fein, scharf oder unscharf sie sind, wie ihre Farbigkeit beschaffen ist oder wie kontrastreich ihr Schwarzweiß ist, trägt zur Wirkung des Bildes bei. Den abgebildeten Gegenstand können wir bis ins Detail beschreiben, aber wenn wir es dabei belassen, behalten wir den blinden Lesern die Wirkung und damit wahrscheinlich die Bedeutung des Bildes vor.

In der Beschreibung oben habe ich versucht, Wörter zu vermeiden, die gegenständliche Assoziationen hervorrufen, Assoziationen von Gegenständen, die ja nicht im Bild sind. Daher habe ich mich auf die Materialität der Farben verlegt oder jedenfalls dessen, was ich davon auf der zweidimensionalen Abbildung sehe. Das erscheint mir in diesem Fall eine gute Lösung zu sein, da Jackson Pollock die Materialität des Bildes durch die sichtbaren Überlagerungen von Farben sichtbar unterschiedlicher Konsistenz selbst betont.

Worüber ich sonst schreiben kann, ist die Wirkung des Bildes auf mich. Dies jedoch in einer Sprache zu tun, die im Leser keine gegenständlichen Assoziationen hervorruft, ist kaum möglich. 

Es kann sein, dass Jackson Pollock es auch nicht wünschenswert gefunden hätte. Er hat dem Bild nur eine Nummer, keinen Titel gegeben, wissend, dass die Vorstellung des Betrachters sich daran wie an den sprichwörtlichen rettenden Strohhalm klammern würde. Er malte in einem Trance ähnlichen Zustand ohne Pinsel, indem er vornüber gebeugt die Farbe auf den am Boden liegenden Malgrund tropfte und spritzte. Es kann daher sein, dass er sich wünschte, dass der Betrachter das Bild auch sozusagen begriffslos betrachtet, ebenfalls wie in einer Trance. Reines Schauen. Dieses ist jedoch per definitionem nicht in Worte zu fassen.

Dies vorausgeschickt, versuche ich, dem blinden Leser meine Assoziationen zu beschreiben. Als Leser dieses Blogs wissen Sie, dass das, was ich sehe, ohnehin nicht identisch ist mit dem, was ein anderer in dem Bild sieht. Umso mehr aber bei einem abstrakten Bild. Linien und Kleckse, wie gesagt.    

Das erste, woran mich das schwarze Liniengewirr erinnerte, war ein Gestrüpp. Und da die dünnen Farbspritzer teilweise von den etwas stärkeren abzuzweigen scheinen, ein Dornengestrüpp. Dann fiel mir auf, dass es sich von der flächigen Mitte aus in alle vier Richtungen ausdünnt, wie eine Luftaufnahme einer Stadt mit Ausfallstraßen und Vororten, dachte ich.  

Die weißen Linien darüber sind viel weicher, wie organische Verzierungen, schwungvolle Ranken und Schlingen, die sich über die Stadt legen. Im linken Teil des Bildes bilden sie ahnungsweise eine Form – oben zwei Auswölbungen, links und rechts, in der Mitte eine Vertiefung, von den Auswölbungen aus zwei nach innen geschwungene, nach unten auf einander zulaufende Linien, die sich jedoch nicht berühren, da sie über den Bildrand hinausgehen, so dass die Form unten eine Öffnung behält. Die Form war tatsächlich das erste, was mir an dem Bild ins Auge fiel, das ungefähr Gegenständlichste eben, und schlagen Sie mich, aber mein erster Gedanke war: wie die schematische Darstellung eines Muttermunds. Ohje, und mit diesem Bild im Kopf lasse ich Sie nun zurück:-)

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Richtlinien für Bildbeschreibungen II

Aus gegebenem Anlass hier noch einmal der Vorschlag der blinden Kunsthistorikerin Anja Winter für ein Schema für Bildbeschreibungen :

Bildbeschreibung für Blinde

I. Fakten

1. Maler

2. Titel & Genre

3. Format & Maße

4. Technik

5. Entstehungszeit

II. Beschreibung

1. Aufbau (Vorder-, Mittel-, Hintergrund)

2. Hauptmotiv (evtl. auch nur Teil), das sofort ins Auge springt

3. Farben

III. Eindruck, Stimmung

möglichst genau wiedergeben, aber Achtung: keine Interpretation!

IV. Hintergrund 

(soweit zum Verständnis erforderlich!)

1. biografische Daten des Malers (und ggbfs. Auftraggebers)

2. Stil & Epoche

3. kunsthistorische Besonderheiten

4. historischer, religiöser Hintergrund 

© tastkunst 06.2012

Vergleicht es bitte mit den Vorschlägen des blinden Kunsthistorikers Erich Schmid.

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Eine Ausstellung, in der Portraits von zweien von uns hängen

Barbara Fickert hat uns auf eine Ausstellung im Bethanien, in Berlin-Kreuzberg aufmerksam gemacht, in der u.a. Portraits des Fotografen Uwe Schumacher von ihr und Silja Korn hängen. Ausstellungen im Bethanien sind immer sehr nett, kommt also!

Zur Ausstellungseröffnung am 8. April 2016 um 19 Uhr laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.

Blickwechsel

Fotografie nach der Werkstatt für Photographie

Wolf Abraham, Maren Baldeweg, Aline Calmet, Stefan Doß, Peter Fischer-Piel, Bernd Große, Ania Kaszot, Torsten Kröger, Heike Reichenstein, Uwe Schumacher, Frank Seeger, Kirsten Steiner, special guest Friedhelm Denkeler

Vernissage: 8. April 2016, 19 Uhr, Ausstellungsdauer vom 9. – 17. April 2016 Öffnungszeiten: täglich 14 – 20 Uhr, Sa. u. So.: 12 – 20 Uhr, bei Veranstaltungen bis 23 Uhr

Ort | Anfahrt

Studio 1 im Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin-Kreuzberg Bus 140 Station Mariannenplatz, U1/U8 Kottbusser Tor

Veranstaltungen

Werkstattgespräch – Führung durch die Ausstellung: Dienstag, 12.04. 2016, ab 18 Uhr

Podiumsdiskussion: Donnerstag, 14.04. 2016, 19 Uhr. Teilnehmer*innen: Rüdiger Flöge (Leiter der vhs-Photogalerie in Stuttgart), Dr. Enno Kaufhold (Fotohistoriker), Ursula Kelm (Fotografin und Dozentin), Thomas Michalak (Dozent am Photocentrum), NN Moderation: Edda Wilde

Finissage: Sonntag, 17. April 2016, ab 18 Uhr Tanzperformance „Bildwechsel“ Die Tenzer Weitere Informationen: http://www.werkstattfürphotographie.de

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Gerald Pirner: Der gespürte Blick

Hier, das müsst ihr lesen. Gerald Pirner hat einen sehr tollen Aufsatz anlässlich unserer Ausstellung in der BrotfabrikGalerie geschrieben. All unsere Projekte, die sich mit Blindheit und Fotografie befassen, auch dieser Blog, haben ja eine erkenntnistheoretische Dimension. Wir befassen uns mit der menschlichen Wahrnehmung an einer jener Kanten oder Bruchstellen, die immer für neue Einsichten gut sind. Normalerweise lassen wir das hier im Blog nicht so raushängen, unser Angebot soll ja niedrigschwellig sein. Umso mehr freuen wir uns nun, wenn ein blinder Autor, einer der ganz wenigen, die sich ernsthaft mit visueller Kunst befassen, diesen Aspekt unserer Arbeit thematisiert. Damit ist unser Dialog zwischen Sehenden und Blinden auf eine neue Ebene gehoben:

Der gespürte Blick oder
An der Grenze zwischen Subjekt und Objekt

Die Schönheit der Blinden, eine Ausstellung in der Brotfabrik in Berlin-Weißensee mit Arbeiten von Karsten Hein und Arbeiten der Teilnehmerinnen seines Fotoworkshops

Ein Bild, das es nicht gibt, vorher nicht gab, ein Bild das vielleicht mehrere Bilder ist, das ein-gebildet ist, das nur in seiner Sprache existiert. Er sieht es vor sich, sieht vor sich, wie eine Frau das Gesicht einer anderen Frau berührt, eine Frau, die ihre Augen geschlossen hält, eine Frau mit geschlossenen Augen, berührt von einer anderen mit ebenfalls geschlossenen Augen. In seiner Imagination bittet er seine Assistentin zu Hilfe, bittet sie die Szene zu beobachten, bittet Sie die Szene zu beschreiben: Zwei Frauen, in gleicher Größe, beide vermeintlich in ähnlicher Haltung und doch unterscheidet sie etwas, von dem sie im ersten Moment nicht hätte sagen können, was es sei.

Er wartet, hört Ihr nach, hört wie Sie schaut, obwohl das nicht möglich ist, und doch glaubt er zu hören wie Sie schaut, ohne zu atmen, ohne dass er Ihr Atmen hörte.
„Die eine ist blind“, sagt Sie ruhig und wartet eine Weile.
„Woran siehst du das.“

Hier zum vollständigen Text in Geralds Blog.

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Unser Workshop im Radio

Bei unserem Fotoworkshop mit Silja sind zwei Radiobeiträge entstanden. Hier ist der Beitrag von Andreas Becker für Deutschlandradio Kultur zum Nachhören. Und hier der von  Juliane Neubauer für den Deutschlandfunk.

 

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