Pieter Bruegel der Ältere: Jäger im Schnee

 

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Saskia schreibt:

Können Sie bitte für mich eine Beschreibung des Gemäldes „Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel dem Älteren machen? Mich interessiert besonders, was man von den Menschen auf dem Bild erkennen kann und wie die Stimmung des Bildes ist. Es gibt eine Beschreibung bei Wikipedia, aber die ist sehr kurz. Wenn möglich würde ich gern mehr Details erfahren.

Pieter Bruegel d. Ä.: Jäger im Schnee

Pieter Bruegel d. Ä.: Jäger im Schnee © Wikipedia

 

 

 

 

 

 

 

Und hier die Beschreibung von Jörg Schumacher:

Mir ist das Bild “Die Jäger im Schnee” (auch Heimkehr der Jäger) von Pieter Bruegel dem Älteren, gemalt 1565, bekannt als eines der ersten Bilder, auf denen eine Winterlandschaft zu sehen ist. Das Original hängt im Kunsthistorischen Museum Wien, ist gemalt in Öl auf Eichenholz und hat eine Größe von 117 Zentimetern in der Höhe und 162 Zentimetern in der Breite. Es ist also ein eher handliches Bild. Aber beschreiben wir die abgebildete Szene nun so, als wären wir mittendrin.
Jäger kommen nach Hause und haben nach einem anstrengenden Tag auf der Jagd trotz der 13 Hunde unterschiedlicher Größe nur einen mickrigen Fuchs erbeutet. Es ist Winter und sie laufen über einen schneebedeckten Hügel auf das Dorf im Tal zu. Es weht ein eisiger Wind von rechts und ein wenig von vorn. Ein Feuer vor einem Wirtshaus – erkennbar an einer knarrenden hölzernen Fahne über der Tür – etwa dreißig Meter links von Standpunkt des Betrachters wird vom Wind stark angefacht. Es wird Schilf oder Stroh verbrannt, warum, erschließt sich nicht. Ein Kind steht mit dem Rücken zum Wind am Feuer.

Der Betrachter der Szene ist zurückgeblieben, denn die Hunde und die drei anderen Jäger sind bereits ein gehöriges Stück voraus. Ein Busch im Vordergrund ist von verharschtem Schnee bedeckt. Die Jäger werden gleich einen nicht erkennbaren Weg den Hang hinunter beschreiten, der vermutlich nach links unten weitergeht und danach wieder sichtbar an einigen Häusern auf der linken Seite vorbei zwischen mehreren zugefrorenen Teichen nach halbrechts zu einem kleinen Dorf mit Kirche führt.

In der Ferne noch weiter rechts ragen zwei spitze Berge mit mehreren eisbedeckten Gipfeln und Gletschern ins Bild. Eine Burg liegt zu Füßen der Berge. Von dort weiter nach links öffnet sich ein Tal, in dem sich schneebedeckte Flächen mit vereinzelten Menschen, Wege, zugefrorene Teiche und Flüsse sowie vereinzelte Bäume und Buschgruppen abwechseln, bis ganz links in der Ferne ein kleine Stadt mit zwei Kirchen am zugefrorenen Meer liegt. Diese Eisfläche bindet die Schiffe ans Ufer und hält sogar Pferd mit Reiter aus.

Der Betrachter spürt die Weite dieser offenen Landschaft. Er ist vermutlich gegen die Kälte geschützt und hört die Geräusche im eisigen Wind an diesem trüben Nachmittag nur gedämpft. In der nächsten Nähe links voraus ist leises Kläffen zu hören. Die größeren, schlanken Windhunden ähnlichen Hunde machen einen müden Eindruck und schleichen nur noch dahin. Es sind die wenigen kleinen Hunde, die noch agil sind und Geräusche von sich geben. Die Menschen links am Feuer sind beschäftigt, ganz leise ist das Fauchen des durch den Wind angefachten Feuers zu hören.

Von fern voraus erklingen die Stimmen vieler Menschen, gelegentliches Lachen und freudige Kinderstimmen. Rechts von den Jägern grenzen im Tal mehrere zugefrorene Teiche aneinander, auf denen sich Menschen tummeln. Fünf Erwachsene üben Eisstockschießen, Kinder spielen Eishockey und noch weiter entfernt wird auf Schlittschuhen gelaufen. Die gewagten Kunststücke gehen nicht in jedem Fall gut aus, einige der Eisläufer finden sich bereits auf dem kalten, blanken Eis wieder. Vereinzelte Krähen auf den Bäumen in der Nähe geben krächzende Töne von sich, der Wind löst kleine Eisstückchen von den Bäumen in der Nähe. Das beherrschende Geräusch aber sind die knirschenden Schritte der Jäger im Schnee, die sich wortlos nach Hause bewegen.

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Durch die Dünen

STATUS: SCHON BESCHRIEBEN

Noch ein Urlaubsbild von Susanne. Sie schreibt dazu wunderschön:

Übrigens ist eins meiner Favoriten das Bild, das ich durch den Dünenübergang zum Strand gemacht habe. Es war für meine Schwester und mich das Grösste, wenn wir nach langer Autofahrt an der See ankamen – und mein Vater fuhr immer erst an den Strand für uns-, durch so einen Übergang liefen und dann das Meer sahen. Das spüre ich heute noch körperlich, wenn ich an der See bin oder wenn ich auch nur daran denke ;-=

Ein Durchgang durch die Dünen

Bildbeschreibung von Katrin Heidorn:

Liebe Susanne,
ich wollte schon lang dein schönes Erinnerungsbild beschreiben, komme aber erst jetzt dazu.
Ich habe selbst in meiner Kindheit oft die Ferien am Meer verbracht und kann die Freude verstehen.
Das Foto ist einfach und harmonisch aufgebaut. In der Mitte, leicht nach links verschoben, sehen wir den typischen Bohlenweg aus quergelegten Holzleisten, wie sie in regelmäßigen Abständen durch die Dünen gelegt werden, um den empfindlichen sandigen Untergrund zu schützen. Links und rechts davon der sandige, mit trockenen Blättern
bedeckte Waldboden. Der Weg führt durch einen grünen, sonnendurchfluteten Dünenwald. Ein Laubwald aus dünnen Bäumen, die es trotzdem schaffen, sich über den schmalen Weg zu lehnen und ihre Kronen zusammen zu stecken. So wird der Weg fast zu einem Hohlweg. Rechts vorn auf den Weg fallen einige beinah kreisrunde Sonnenflecken wie locker gestreut.
Das zeigt uns, dass die Sonne recht hoch steht. Also Mittagszeit. An der Ostsee, wo wir wohl sind, eine gute Zeit für den Strand!
Der Bohlenweg sieht aus der Fotoperspektive ziemlich abschüssig aus. Das kann aber eine raffinierte Täuschung sein. Wahrscheinlich steigt er eher an, um dann hinter dem Wald in den offenen Dünen wieder abzusteigen. Jedenfalls gibt es keine Stufen an denen wir es sehen könnten. Er führt direkt ins gleissende Sonnenlicht. Da das Foto den lindgrünen Wald so gut belichtet, ist die Öffnung des Weges hoffnungslos überbelichtet. Streng genommen wissen wir nur deshalb, dass es zum Strand geht, weil du, Susanne, es uns mit der Überschrift verraten hast. Oder wenn wir uns die Mühe machen, das Blechschild zu entziffern, das im Vordergrund rechts neben dem Weg steht. Da steht nämlich alles Wichtige drauf, was man zu einem ordentlichen deutschen Strandaufenthalt wissen muss: Strandabschnitt, textil, keine Hunde, nächstes WC 50m nach rechts, Kurtaxenpflicht und noch einiges mehr. Darüber noch ein kleines Schild, das uns ermahnt, nur diese schönen Holzwege zu benutzen, weil die Dünen Hochwasserschutz bilden. Zuwiderhandlung kostet sogar Bußgeld! Damit es niemand aus Versehen macht, ist weiter vorn links und rechts vom Weg in Kniehöhe ein Draht gespannt.
Wir sind also voll informiert. Dabei ist das Foto so super, weil es eben nichts verrät, aber sofort dazu führt, das ich das Geräusch des Windes und der Brandung höre. Gerade weil der Wald das Meer noch versteckt, ist die Vorfreude umso größer. Das ist ungefähr die Stelle, wo ich als Kind wohl angefangen hätte, loszurennen, um schneller am Wasser zu sein.

Katrin

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Spanisches Projekt über Fotografie und Blindheit – Aktualisiert

Wir sind nicht allein! Vor kurzem hat mich die Spanierin Noemí Peña kontaktiert, die gerade ihre Doktorarbeit über die Beziehung zwischen Fotografie und Blindheit schreibt. Sie hat auch einen tollen Blog – allerdings – natürlich – leider auf spanisch. Aber wer weiß, was unsere Leser nicht alles können. Es gibt dort jedenfalls auch viele interessante Links und Beiträge über blinde Fotografen und verwandte Projekte. Einen kurzen englischen Text zu ihrer Doktorarbeit findet ihr hier.

Und hier hat Noemi uns jetzt das Exposé ihres Projektes geschickt, ebenfalls auf englisch. Sehr interessant! Klickt hier um ans PDF zu kommen: noemi_pe_sa

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Programmhinweis: Konzert im Dunkeln

Hier schon einmal ein kurzer Programmhinweis: Am 18.10. um 19 Uhr wird im Rahmen unserer Ausstellung „Die Schönheit der Blinden“ in der Galerie Bernau ein

 

„KONZERT IM DUNKELN“

mit blinden und sehenden Musikern stattfinden!

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Über „Die Schönheit der Blinden“

Rede von Jörg Möller zur Eröffnung der „Schönheit der Blinden“ am 20. 9. 2013 in der Galerie Bernau

I

Anfassen erlaubt, gucken aber nicht.“, sagt Lutz.

Wir stehen aber nun in einer Ausstellung, der Ausstellung „Die Schönheit der Blinden“ von Karsten Hein. Wir sehen Porträts, ein Buch, Kleider, hören Tondokumente mit den Stimmen der Beteiligten – und sehen natürlich die fotografische Dokumentation einer Modenschau. Die Protagonisten sind blind, der Fotograf jedoch nicht.

Wir befinden uns also in einer Zone (um das Jahresmotto aufzugreifen), die möglicherweise erst einmal verunsichert: Wo ist der „Riss“? Was nehmen wir wahr? Wo gibt es – vielleicht – ein leichtes Unbehagen? Oder ist es – vielleicht – doch viel einfacher? Was erkennen wir? Was ist Schönheit?

Wie kam es zu diesem Projekt?

II

Ilka sagt:

Es war ein befremdlicher Gedanke zu wissen, daß mein Gegenüber jede Kleinigkeit, jede Nuance, jede Unzulänglichkeit meines Gesichtes genau studieren würde, wohingegen sein Gesicht für mich unsichtbar bliebe. Zu wissen, daß jemand mein Gesicht besser kennen würde als ich selbst… .“

Vor ca. 2 Jahren bat mich Karsten ein Foto-Shooting mit einer blinden und einer sehenden Frau zu dokumentieren. Es sollte ein Teil seines neuen Fotoromans werden.

So lernte ich Ilka kennen. Ich hatte mich so leise durch die Kulisse bewegt (ich hatte meine Schuhe ausgezogen, um die Hintergrundplane nicht zu beschädigen…), so daß sie über das Klicken der Kamera erschrak. Du mußt mir schon sagen wo du gerade bist und was du machen willst!“ Es ist so leicht, respektlos zu sein… .

Die Porträts und die Bilder der Modenschau entstanden in der Zeit nach dem Fotoroman. 1,5 Jahre hat der gesamte Prozeß in der Vorbereitung und Koordination gedauert – bis die Kleidung z.B. fertig war. Sie stammen übrigens von der Schule für Mode und Design, Amy Scott und 7camicie. Die Klanginstallation von Ursula Voßhenrich.

Karsten hat die Protagonisten und sich durch lange Gespräche darauf vorbereitet, viel Zeit mit ihnen zugebracht – und sehr, sehr viele Bilder von ihnen gemacht. Karsten ist der einzige klickende Gesprächspartner, den ich kenne.“, sagt wiederum Ilka. Aber nur durch diese Vertrautheit, die sich durch die intensive Beschäftigung miteinander einstellt, sind solche Bilder möglich.

Denn eines haben alle Porträts gemeinsam (egal ob die Personen blind oder nicht blind sind): Es wird eine Schamgrenze überschritten, es ist kaum mehr möglich, sein Gesicht komplett zu kontrollieren; es gibt kaum mehr eine Barriere zwischen den beteiligten Personen. Es ist eine Grenzüberschreitung. Um ihnen einen Schutz zu geben wurde festgelegt, daß zu dieser Modenschau nur Blinde zugelassen sind. Ein Schutz-Raum.

Denn (wieder Ilka): Als ich das Klicken der Kamera zu ersten Mal hörte, war es wie das Klicken eines Schalters, dessen Betätigung all diese Gedanken wieder aktivierte, und für den Bruchteil einer Sekunde war ich dadurch wie gelähmt und peinlich berührt – für den Bruchteil einer Sekunde war es mir irgendwie peinlich, blind zu sein.“

Wesentlich komplizierter wird es dann, eine Gruppe zu fotografieren… .

III

Gut auszusehen ist Selbstbestimmung“, sagt Lutz.

Die Realität/der Alltag und der künstliche Raum einer Modenschau sind jedoch zwei grundverschiedene Dinge. Es wurde festgelegt, daß die Kleidung weiß sein sollte – wegen der Fotos. Die farbigen Momente in den Bildern nur durch Personen hervorgerufen, die gerade nicht als Model fungieren.

Offene Blende – unscharfer Hintergrund. Der Stoff, der Schnitt, der ertastet wird. Die Gruppenkonstellation, die – ebenso wie die gemeinsame Vorbereitung – eine Entsprechung in Bildaufbau und Farbigkeit finden muß. Es ist DIE AKTION, die in den Fotografien festgehalten wird – DAS AGIEREN der Beteiligten, DAS VERSTÄNDIGEN UND ERKENNEN in diesem geschützten Raum. Die Hände… .

Wir sehen die Hände in Aktion, und die Bewegung, die Dynamik, die darin liegt. Das Innehalten. Die Situation, in der alle – im wahrsten Sinne des Wortes – aufgehen können. 

Und es gab noch eine weitere beteiligte Person, einen besonderen Kunstgriff: die Braille-Schrift, die durch die Kunststickerin Antje Kunze für Stoffe entwickelt wurde. Sie wird in dieser konkreten Situation der Modenschau zum farbigen und grafischen Element. Denn: im Zusammenhang der Modenschau ist es für Blinde unerheblich, ob sie an der Kleidung angebracht wird.

Wie gesagt: Im Alltag ist es jedoch etwas anderes… .Aber – wenn wir hier die Aufmerksamkeit auf folgendes Bild lenken und die dazugehörigen Kleidungsstücke.

Es ist ein Kirschbaum: grüne und rote Punkte. Und ein Gedicht von Rilke.

IV

Was ist Schönheit?

Schön sind Menschen, die sich andere Menschen gerne ansehen.“, sagt Karsten. Ich möchte hinzufügen: Schön sind Menschen, die anderen in dieser friedlichen und entspannten Atmosphäre einen Einblick gewähren.“ Und dabei ist es völlig unerheblich, ob jemand blind ist, oder taub, oder ob er sehen und hören kann.

Schönheit ist auch, einen Raum schaffen zu können, den andere gerne nutzen und ausfüllen wollen – und so einen Platz in diesem Gefüge finden. Schönheit ist ebenso, die adäquate fotografische Form dafür zu finden. Schönheit ist, wenn Jenny sagt, Karsten hätte ihr ihr Gesicht wiedergegeben. (Sie kennt ihr Bild „nur“ aus Beschreibungen… .) 

Was ist Schönheit noch? Dazu sagt Jessy: Entdeckt mich jetzt mal!“

Vielen Dank!

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Un Mannequin

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Hier haben wir nun gleich eine ganze Serie von Fotos, eine Bildergeschichte, und endlich ist sie dank Aljoscha vollständig beschrieben.

Sie wird auch Teil der Ausstellung in Bernau sein!

Un Mannequin

Von und mit:
Ilka Eberle
Georgina Philp, Tänzerin
Miri Kämpfer (Kitsch-Nation), Modedesignerin
Beatrice Mendelin, Maskenbildnerin
Jörg Möller und Karsten Hein, Fotografen

Eine blinde Frau träumt, ein Fotomodell zu sein…

Schauplatz der Geschichte ist der berühmte Teréz Körút in Budapest, der „Boulevard der Bräute“. Dicht an dicht reihen sich hier heute die Showrooms der Brautmodengeschäfte und in den Hinterhöfen die Modeateliers und Fotostudios.

Die BESCHREIBUNG von Aljoscha:

Das ist die Geschichte einer Verwandlung in 31 Schnappschüssen. Diese Schnappschüsse – also Fotos, die quasi beiläufig und spontan vom Fotografen aufgenommen wurden, – sind so aneinander gereiht, dass man sie wie eine Erzählung oder einen Bericht zurecht fantasieren kann. Ich versuche es jetzt.

Teil I. Bilder 1 bis 15

Das erste Bild besteht aus zwei Fotos – rechts eine kunstvoll gekleidete Frau mit glänzend weißem Haar, einem weißen Reifrock, einem schwarzen Mieder und ellenbogenlangen schwarzen Handschuhen. Die Schulter und Oberarme sind frei, und sie hält davor überkreuz ihre Hände in schwarzen Handschuhen. Ihr Kopf hat sie leicht nach rechts und nach unten gesenkt. Das Foto daneben ist ein Zigarettenautomat mit einem großen Pfeil darüber und einem Schriftzug, von dem man nur die Buchstaben VIP sieht.

Mit dem zweiten Bild erschließt sich auch das erste: Es ist wohl ein Viertel in einer alten Stadt, wo Brautkleider angeboten werden. Hier hängen Dutzend ähnliche Fotos wie das erste mit jungen hübschen Frauen in lauter weißen Brautkleidern, dazu bunte Reklame, die vor der Hochzeit wohl Blumen ersetzt. Irgendwas in einer nicht sofort identifizierbaren Sprache steht auch darüber geschrieben – Tschechisch oder Ungarisch?  Szalon Heléna Exclusive Modellek. Vor Vitrinen flanieren Menschen, es ist Spätherbst und es ist fast ganz dunkel.

Plötzlich sind wir in einem Raum, grell beleuchtet, blendend weiß, mit zwei Scheinwerfern und einer Fotokamera. Hinten steht jemand in Schwarz. Aber im Vordergrund sitzt eine Frau  auf dem Stuhl. Schwarze Hose, weißer Sweatshirt. Schwarzes Haar, zusammengebunden zu einem kleinen Pferdeschwanz. Sie hält ihre linke Hand am Gesicht, sie fühlt sich unbeobachtet.

Es wird hektisch. Ein Fotograf, eine Maskenbildnerin, zwei weitere Frauen. Es ist aber nicht nur ein Foto auf diesem Bild sondern gleich mehrere, chaotisch komponiert, so wie es wahrscheinlich bei der Maske eben zugeht. Und vor dem Spiegel sitzt die Frau vom Bild davor – aber auch hier sehen wir sie von de Seite, die anderen um sie herum und das leuchtende Licht gibt die Sicht auf sie nicht frei. Erst auf dem nächsten Bild sehen wir sie genauer: sie hält die Augen geschlossen, sie wird geschminkt. Auch hier viele chaotische Schnappschüsse – der Fotograf ist auch dabei, allerdings ist er mit seiner Kamera beschäftigt und probiert was aus.

Das nächste Bild, Nummer sechs, stellt die Frau dar, die wir schon wieder erkennen. Sie sitzt noch in der Maske, aber sie ist fertig damit. Sie ist der Kamera zugewandt. Sie schaut entspannt und lächelt bezaubernd. Sie ist sehr schön.

Auf dem nächsten Bild sind zwölf kleine Schnappschüsse zusammengefügt mit drei weiteren Frauen: Sie trinken Kaffee und führen wohl ein Gespräch, auch wenn man am Anfang das Gefühl hat, dass sie vielmehr einander zuhören: sie lächeln, lachen, gestikulieren.  Besonders eine junge Schwarzafrikanerin mit einem Haarschopf.

Und gleich danach, auf dem nächsten Bild, ist sie ganz allein. In einem adretten gepunkteten Kleid mit offenen Schultern und Armen, barfuss. Doch die eigentliche Überraschung ist der Hintergrund – er ist grün. Bis jetzt war eben alles schwarzweiß. Und siehe da – ein Salatgrün, etwas verblasst. Und das Mädchen steht da, die Hände in die Seiten gestemmt.

Und wieder eine Kollage aus einigen kleinen Schnappschüssen: die Frau, die zurecht geschminkt worden ist, sitzt nun im Fotostudio – unter einem Scheinwerfer, vor dem Fotografen. Augen geschlossen, Beine weit auseinander gestellt. Man merkt ihr an, dass sie leicht angespannt ist: als hätten die Beine, die Körperhaltung, die Arme ein Kommando vom Bewusstsein bekommen. Und auch hier, auf dem letzten Schnappschuss das Mädchen vom Bild davor. Sie ist barfuss und probiert im Hintergrund wohl ihre Schritte.

Nun wissen wir auch warum: Sie ist Tänzerin. In einer heftigen Drehung wirbelt sie ihr Kleid hoch,  sie dreht sich auf den Zehspitzen, die Arme ganz nach oben geworfen. Aber die Frau mit schwarzen Hosen und weißem Shirt schaut nur halbwegs zu ihr, obwohl das tanzende Mädchen ihren Blickkontakt sucht. Die Frau sitzt burschikos da und nimmt zwar die stürmische Bewegung hinter ihr wahr, schaut aber nicht wirklich hin.

Die Tänzerin ist nun vor ihr. Sie dreht sich heftig, der Rock steht fast waagerecht ab. Aber die Frau, vor der da getanzt wird, hat sich auf ihrem Stuhl zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Sie ist ganz entspannt.

Eine neue Drehung, ein neuer Sprung der jungen Tänzerin. Die Frau ist wieder nach vorne gebeugt und, als hätte sie was im Auge, berührt sie es leicht mit der linken Hand.

Die Pirouetten sind vorbei. Das Mädchen ist wieder ruhig. Die Frau schaut vor sich hin, etwas zu streng. Hat die junge Tänzerin etwas falsch gemacht? Oder wartet die Frau auf ihren Einsatz: die Arme und Beine deuten darauf hin, als würde sie nur auf die Musikstelle warten, bei der sie ebenfalls aufspringen und tanzen wird.

Bild 14 besteht aus zwei Fotos – eins oben und eins unten – und zeigt nur die Gesichter der beiden Frauen. Nun hält diesmal das Mädchen die Augen zu, und die Frau, die auf dem Stuhl saß, steht jetzt vor ihr, schaut aber an ihr vorbei und hält ihre Hände vor dem Gesicht des Mädchens. Auf dem Foto unten berührt sie ganz sanft mit ihren Handrückseiten die Wangen des Mädchens.

Auf dem nächsten Bild streichelt sie ihre Wangen nun mit den Fingern, mit den beiden Daumen berührt sie ihre Lippen. Das Mädchen hält die Augen offen.

Teil II. Bilder 16 bis 31

Und wieder die Schnappschüsse, die Frau ist wieder in der Maske: Die Lippen werden konturiert, die Schminke fein abgestimmt, das schwarze Haar glatt gemacht. Es gibt auch eine strahlend blonde Perücke. Ob die Frau sie bekommen wird?

Als wäre sie in den Gedanken noch bei der Tänzerin, berühren ihre Finger mit den Silberringen das Gesicht des schwarzen Mädchens: Die Daumen sind an den Augenbrauen, dort wo sie von der Nasenwurzel hoch abgehen, die anderen Finger berühren die Stirn und die Schläfen.

Noch die letzten Griffe an den Wimpern, die letzten Striche mit dem Kajalstift, und das Gesicht ist perfekt – mit strahlend weißer Perücke.

Die Frau ist verwandelt. Die Augen sind mandelartig nachgezeichnet, wie es die alten Ägypter erfanden, die Lippen geschlossen. Ein Bild der tiefen inneren Trauer und Selbstbeherrschung wäre es, wenn es nicht gleich hier, auf einem Foto noch in derselben Collage, ein Ballklein gewesen wäre. Ein schwarzes eng anliegendes Oberteil und der weiße weit abstehende Rock. Die Frau hat es auch gleich an: Der weiße Reifrock reicht bis zum Boden. Der rechte Arm im ellbogenlangen schwarzen Handschuh.

Drei Frauen helfen, damit das Kleid richtig sitzt. Das schwarze Mädchen im Hintergrund hält den weißen Stoff hoch wie eine Art Schleppe, die Hände der Frau mit den schwarzen Handschuhen im Vordergrund sind am Hals, als würde sie ihre Perlenkette zurechtrücken.

Es ist soweit, die Helfer treten langsam zurück, alle lächeln. Die schwarze Tänzerin, einer der Fotografen, die Maskenbildnerin sind noch im Vordergrund. Hinten, allein, steht sie, das neue Model. Noch ist das Licht nicht auf sie gerichtet, noch streckt jemand die Hände, um das letzte strahlend weiße Strähnchen am Haar zu glätten. Die zart schwarzen Hände der Tänzerin streicheln zur letzten Ermunterung die Wangen und das Kinn des Models. Sie schaut freundlich, dann schließt sie die Augen, an ihrem Mund ist kein einziges Fältchen, die Lippen ruhevoll.

Bild 22. Das Gesicht in Großaufnahme, schräg von oben rechts. Die Augen halb geschlossen, der Kopf halb gesenkt. In den Mundwinkeln die Geburt eines Lächelns.

Schon auf dem nächsten Bild scheint die Show vorbei zu sein. Das Model, immer noch in glänzender Perücke, weißem Seidenrock und schwarzem Mieder, steht entspannt abseits des gleißenden Lichts. Die langen Handschuhe hat sie abgestreift und hält sie in den Fingern wie ein Theaterrequisit.

Bild 24. Noch einmal das Gesicht in Großaufnahme. Frontal, mit leicht geschlossenen Lippen. Die Augen geöffnet, etwas nach rechts gerichtet. Ein Blick, in den man viel hineinlesen kann: Trauer, Zärtlichkeit, Vorahnung, Gewissheit.

Doch das Fotoshooting geht weiter, diesmal vor dem dunklen Hintergrund. Die Kostümbildnerin korriegiert die Falten am Rock. Das Model steht in der klassischen Pose: die Ellbogen am Körper, die Hände in den schwarzen Handschuhen am weißen weit abstehenden Rock entlang.

Gleißendes Weiß des Rocks und der Perücke, pechschwarzes Mieder, aprikotzarte Haut, graugrüner Hintergrund. Das Model mit geschlossenen Augen und leicht nach rechts gesenktem Kopf steht mit den Händen überkreuz vor der Brust. Die schwarzen Handschuhe an der nackten Haut. Die Story ist nicht zu Ende, aber dieses Bild ist der Grund, warum sie erzählt wird.

Oder ist die Geschichte doch schon zu Ende. Wir sind nämlich wieder dort, wo sie begann: In einem Viertel, wo Brautkleider verkauft werden. Unter Fotos von Models mit weißen Brautkleidern ist auch unsere Frau mit schwarzen Handschuhen. Das Modegeschäft „Golden Rose“ hat das schöne Bild von ihr ausgestellt.

Auf der anderen Seite des Eingangs hängt auch ein Bild von ihr, das mit den Händen in Handschuhen entlang des weißen Rocks. Darüber steht „Elite Salon“, und ein Pfeil zeigt in den Hinterhof.

Und der letzte Blick unseres Models, fast schon privat. Sie hat noch die weiße Perücke an, aber schon ihren Schal um den Hals. Es sind zwei Schnappschüsse: oben schaut sie uns noch direkt an, unten wird sie sich gleich abwenden.

Bild 30. Im Treppenhaus. Kahle Wände, zwei Lichtschalter, ein Farbschatten von einem abgenommenen Poster, eine riesige Säule auf einem schmalen Sockel. Dahinter steht unser Model. Sie ist noch in ihrem Kostüm. Aber es ist vorbei.

Und doch nicht ganz. Die Frau stellt sich noch einmal frontal vor die Kamera. Hinter ihr die Wand: unten grau, oben hell mit einem grauen Viereck, das von einem Poster zurückblieb. Der Fußboden im alten Treppenhaus mit Musterkacheln. Weißer Rock, schwarzes Mieder, schwarze Handschuhe. Das schöne Gesicht ist nach links gewandt. Der Kopf graziös gesenkt. Aber sie ist etwas zu weit weg. Und sie schaut nicht mehr zu uns.

Ende.

Detaillierte Beschreibungen einzelner Seiten findet ihr hier: Seite 1, Seite 2, Seite 22, Seite 23, Seite 26.

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