Archiv des Autors: Tina Franziska Paulick

100 Meisterwerke: 6. „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ von Jan Vermeer

Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge

Das Gemälde “Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge” wurde um 1665 in der Barockzeit von dem niederländischen Maler Jan Vermeer van Delft angefertigt. Das Portrait im Hochformat hat eine Größe von 45 x 40 cm und wurde mit Öl auf Leinwand gemalt. Derzeit befindet sich das Gemälde im Mauritshuis in Den Haag. Es ist als Schulterstück ausgeführt, so dass die Schulteransätze bis zu den Achseln zu sehen sind. Es zeigt eine schöne junge Frau, vermutlich um die 18 Jahre alt, mit heller Haut, dunklen Augen und vollen roten Lippen, die den Betrachtenden über die Schulter hinweg und mit leicht geöffnetem Mund direkt anschaut. Das Mädchen trägt einen auffälligen Turban, sodass die Haare nicht zu sehen sind.

Die Augen sind groß und rund und stehen leicht hervor, die Nase ist wohlgeformt mit einem langen, schmalen Nasenrücken, die Gesichtsform ist eher rund und das Kinn kurz. Die Augenbrauen sind nur ganz leicht angedeutet und kaum sichtbar. Dies lässt vermuten, dass sich unter dem Turban helle blonde oder rotblonde Haare verbergen. Die Augenfarbe liegt zwischen dunklem grau oder blau. Obwohl der Mund leicht geöffnet ist, sind die Zähne nicht erkennbar. Die junge Frau wirkt ungeschminkt und auf eine natürliche Weise schön. Ihr Blick ist freundlich, offen und ein wenig neugierig.

Man hat fast das Gefühl, das Mädchen möchte einen ansprechen. Das Gemälde wirkt dadurch wie eine Momentaufnahme. Der Bildhintergrund ist sehr dunkel, fast schwarz. Er verstärkt die helle Erscheinung des Mädchens, insbesondere die seines Gesichtes. Die Komposition ist so angelegt, dass sich Schulter­ und Rückenbereich der jungen Frau in der unteren Mitte und im rechten unteren Viertel des Gemäldes befinden. Der Kopf befindet sich in der Mitte der oberen beiden Drittel. Die Bereiche der beiden oberen Ecken, sowie der linken unteren Ecke sind mit der gleichen dunklen Hintergrundfarbe gefüllt.

Das Mädchen trägt eine bräunlich­gelbe Jacke, von der sich ein schmaler Streifen des darunter liegenden weißen Kragens deutlich absetzt. Ein kleines Stück des verdeckten langen Halses ist ebenfalls zu sehen. Zudem bildet die Jacke einen Kontrast zu dem blauen Turban, den sie um den Kopf gewickelt trägt. Der filigrane Turban besteht aus breitem leuchtend blauen Stoff. Er reicht von der Stirn bis zum Beginn des Hinterkopfes. Am Hinterkopf befindet sich ein kunstvoll geknotetes, gelbes Tuch, das aus dem Knoten heraus reicht. Dieses herabfallende Tuchende befindet sich am rechten äußeren Rand des Bildes und endet ungefähr auf Höhe der Schulter. Am unteren Ende hat das Tuch einen schmalen blauen Streifen als Abschluss. Hier wiederholt sich die blaue Farbe des Turbans noch einmal. Der Turban ist ein Zeichen für das in der damaligen Zeit vorhandene Interesse an der morgenländischen Kultur infolge der Türkenkriege. Im 17. Jahrhundert waren Turbane deshalb ein beliebtes und weit verbreitetes Accessoire in Europa.

Besonders auffällig ist die einzelne, große, weiß glänzende Perle am Ohrring des Mädchens, die diesem Gemälde auch seinen Namen gab. Es handelt sich dabei um einen Hängeohring mit einer augapfelgroßen Perle, die aus der Schattenzone des Halses hervorsticht und im Licht leicht silbern funkelt. Der Anhänger des Ohrrings ist hingegen nicht zu sehen.

Inspiriert von dem Gemälde, veröffentlichte Tracy Chevalier 2001 ihren Roman „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, in dem sie eine fiktive Lebensgeschichte des unbekannten Models erzählt. 2003 wurde das Buch erfolgreich verfilmt.

Text: Mirjam Knes-Zierold

Bildquelle: Wikimedia

 

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100 Meisterwerke: 5. „Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsushika Hokusai

Die große Welle vor Kanawaga

Das Bild des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai „Die große Welle vor Kanagawa“ entstand um 1831. Es ist ein Farbholzschnitt aus der Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ im Format 25 x 37cm. Der Druck ist im Querformat und in den Farben Blau, Weiß und Braun gestaltet. Vor allem die Farbe Blau ist in ihren unterschiedlichsten Abstufungen, von ganz hell und zart bis zu fast schwarzem Dunkelblau verwendet worden. Insgesamt überwiegen Blau- und Weißtöne. Das Bild befindet sich im Metropolitan Museum of Art in New York.

Im Vorder- und Mittelgrund des Bildes befindet sich die namensgebende große Welle, sie nimmt den Großteil der linken Hälfte des Bildes ein, senkt sich zur Mitte hin in ein Wellental ab, um am rechten Bildrand wieder etwas anzusteigen. In der linken Bildhälfte beginnt sich die Welle zu brechen und vom oberen Wellenkamm, der eher im Mittelgrund des Bildes liegt, lösen sich erste aufgewühlte weiße Wassermassen. Das Bild zeigt nur einen Ausschnitt des Meeres, es ist allein die Welle und, bis auf den Hintergrund, kein Land zu sehen. Die ganze Welle ist in dunklen Blautönen gehalten. An der Oberfläche schäumt sie weiß auf und ebenfalls weiße Schaumfetzen fliegen durch die Luft. Wellen und Schaum setzen sich aus filigranen Linienstrukturen zusammen.

Drei hölzerne Fischerboote schwimmen im Wasser. Zwei davon im Wellental, je eins im Vorder- und im Mittelgrund und eines, in die aufragende Welle hinein schwimmend, im Mittelgrund an der linken Bildhälfte. Die Boote sind nicht ganz zu sehen, denn sie sind teilweise von der Welle verdeckt. Die Boote sind sehr flach und wahrscheinlich Ruderboote, wobei die Ruder nicht zu sehen sind. Aufgrund ihrer flachen Bauweise scheinen die Boote relativ sicher im Wasser zu liegen. Da nicht mehr gerudert wird sind sie der Naturgewalt überlassen und schwimmen wie Treibholz durch die Wellen. Auf den Booten liegen Menschen, vermutlich Fischer, in gekrümmter Haltung, den Kopf eingezogen und dicht beieinander, auf einer Art Holz- oder Stoffgeflecht. Sie liegen quer zum Boot. Die Boote sind in sehr hellen Braun und Beigetönen gehalten, allein die Konturen sind in feinen Linien in dunklem Blau gedruckt.

Die Fischer tragen alle die gleiche Kleidung in dunklem Blau. Im Gegensatz zu der sehr feinen Ausarbeitung der Welle und der Boote sind die Fischer nicht genau zu erkennen und auch nicht so fein ausgearbeitet. Die Köpfe sind weiße Ovale mit nur angedeuteten Gesichtsmerkmalen wie Augen und Mund. Ihre Kleidung könnte aus Jacke oder Hemd und gleichfarbiger Hose bestehen, Schuhe, oder überhaupt die Füße der Fischer, sind nicht abgebildet. Am vermutlichen Fußende der Fischer befindet sich nochmal ein weißes Oval. Ob das ihre Füße oder die Köpfe weiterer Fischer sind, die in Gegenrichtung liegen kann ich nicht ausmachen. Das Boot welches direkt in die große Welle hinein fährt, oder getrieben wird, ist nur in seinem vorderem Drittel abgebildet, der Rest ist von der Welle verborgen. Auf diesem Boot ist auch nur eine Person sichtbar, sie hat den Kopf etwas angehoben und blickt auf die Welle vor sich. Auf den anderen beiden Booten im Wellental sind je vier Fischer deutlich erkennbar. Es könnten aber weitere vorhanden sein, oder es handelt sich um einen anderen weiß-blauen Gegenstand.

Im Bildhintergrund ist hinter dem Wellental ein kegelförmiger Berg mit schneebedeckter Spitze zu sehen, dem Namen der Bilderserie nach zu schließen handelt es sich um den Vulkan Fuji. Der Berg liegt in dunklem Schatten. Der Rest des Hintergrundes ist hellbeige. Im Gegensatz zu der riesigen Welle wirken die Boote und die sich darauf befindenden Menschen klein und verletzlich; die sich brechende Welle scheint wie ein eigener Organismus der mit tentakelartigen Auswüchsen nach den Booten greift.  Der massive Berg und der helle Hintergrund sind die ruhenden Pole auf dem Bild.

Die verwendete Holzschnitttechnik ist eine spezielle Drucktechnik aus Japan, für jede Farbe wird eine eigene Druckvorlage aus Holz angefertigt. Für ein solches Bild  werden bis zu zehn Druckplatten benötigt. Hokusai hat diese Technik sein ganzes Leben lang verfeinert und gelehrt. „Die große Welle vor Kanawaga“ ist das weltweit bekannteste Bild eines japanischen Künstlers.

Text: Astrid Pruß

Bildquelle: Wimimedia

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Kunst begreifen – Diesen Samstag in der Villa Oppenheim, Berlin

 

Am Samstag, dem 18. Juni findet um 11:30 Uhr eine Tastführung durch die Kunstsammlung Charlottenburg zu Skulpturen und Gemälden von Frauen aus dem 19. und 20. Jahrhundert in der Villa Oppenheim in Berlin statt. In einer Führung mit der blinden Kunsthistorikerin Anja Winter machen sie Bekanntschaft mit ausschließlich weiblichen Skulpturen aus Holz, Bronze und Marmor. Anfassen ist ausdrücklich erlaubt! Des Weiteren wurde in Zusammenarbeit mit dem ABSV „Die Näherin“ (Edmund Harburg , 1886) mit Experten ausgearbeitet, sodass das einstige Ölgemälde der Ausstellung nun als dreidimensionales Tastbild wahrgenommen werden kann. Die Materialvielfalt lässt auch Blinde und sehbehinderte Besuchende in das Geschehen eintauchen!

Gäste, die bereits an Tastführungen in der Villa Oppenheim teilgenommen haben und Besuchende, denen die Kunst dieses Museums bislang noch unbekannt ist, sind gleichermaßen willkommen!

Details:

Wann: Samstag 18. 6. 11:30 Uhr

Dauer: ca. 1,5 Stunden

Ort: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim, Schloßstraße 55 / Otto-Grüneberg-Weg, 14059 Berlin

Kosten: Führung 5,00 Euro, Eintritt frei, Begleitperson frei Leitung und Anmeldung: Anja Winter, Tel.: 030 76 76 99 09 (auch AB), E-Mail: tastkunst@gmx.net

Fahrverbindung: Bus 109, 309, M45; U-Bahn U2 bis „Sophie-Charlotte-Platz“ oder U7 bis „Richard-Wagner-Platz“

Weitere Führungen: Samstag, 17. September

Wir freuen uns über Erfahrungsberichte und Eindrücke an picdesc@gmail.com

 

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100 Meisterwerke: 4. „Der Mönch am Meer von Caspar David Friedrich

Der Mönch am Meer

Das Gemälde „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich wurde zwischen 1808 und 1810 gefertigt. Das Werk ist mit Öl auf Leinwand gemalt. Es ist 110 cm hoch und 171,5 cm breit. Derzeit wird es in der Alten Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Es wird als modernes Werk der Romantik angesehen.

Dargestellt ist ein dicht bewölkter, zum Horizont dunkel werdender Himmel über einem sehr dunklen Meer. Die Tageszeit ist nicht erkennbar. Vereinzelt sind Schaumkronen auf eher kleinen Wellen angedeutet. Am unteren Bildrand ist ein etwas hügeliges, einen sehr leichten Bogen nach oben schlagendes Dünenufer zu sehen. Der Sand ist weißlich-gelb. Das kahle Dünenufer ragt nach links im stumpfen Winkel ansteigend in das vom Wind bewegte schwarze Wasser eines Sees oder eines Meeres hinein. Die Hügel des Ufers scheinen sich in den Kämmen der Wellen fortzusetzen. Die dunkle Tönung der Wasseroberfläche steigt über der gerade gezogenen Horizontlinie wie Nebel in die Wolkenschichtung auf. Das Bild hat kaum perspektivische Tiefe. Sand, Wasser und Himmel gehen in horizontal überlappenden Schichten ineinander über.

Der Himmel nimmt fast vier Fünftel des gesamten Bildes ein. Sein unterer Teil ist verdunkelt, eine graue bis dunkelgraue, mal dunkelgrün schimmernde Wolkenmasse; es könnte regnen. Dies betont die Gewitterstimmung des unteren Bilddrittels. Im mittleren Bilddrittel horizontal sind klar Gewitterwolken zu erkennen, die sich nach oben zerstreuen und weiter in die rechte obere Ecke des oberen Bildrandes streben, diesen aber nicht erreichen. Die Stimmung in diesem Teil des Bildes wirkt etwas heller. Etwa im Mittelpunkt des Bildes scheint es hinter den Wolken licht zu werden. Möglicherweise scheint die Sonne aus dieser Richtung. Im oberen Drittel ist der  tiefblaue Himmel kaum noch mit Wolken behangen, lediglich ein dünner, spärlicher und kaum wahrnehmbarer hellgrauer Wolkenschleier ist zu erahnen. Der obere Bildrand weist von links nach rechts immer deutlichere und dunkler werdende Wolkenfetzen auf, die scheinbar aus dem Bild ziehen. Die nach rechts oben strebenden Wolken im mittleren Drittel sowie die dunkleren Wolkenfetzen am oberen Bildrand deuten die Windrichtung an. Das Wasser wirkt als Negativform des Uferstreifens, die der oben aufreißende Himmel spiegelverkehrt aufnimmt. Ebenso spiegelt sich an der Horizontlinie die Zunahme der Helligkeitswerte.

Am rechten Rand des linken Bilddrittels steht eine einzelne, sehr kleine und scheinbar kahlköpfige Gestalt in einem vom Wind bewegten braunen Mantel, mit dem Gesicht zum Meer an der höchsten Stelle des Strandes. Etwas über Höhe des Kopfes verläuft die dunkle Horizontlinie. Auf den ersten Blick hebt sich die Rückenfigur kaum gegen Himmel und Meer ab. Sie ist das einzige vertikale Element des Bildes

Ohne den Hinweis im Titel, würde man nicht sehen, dass es sich um einen Mönch handelt. Abgesehen vom kahl wirkenden Kopf, deutet auch nichts auf das Geschlecht der Figur hin. Über Identität der abgebildeten Person und über die geografische Lage der Dünen wird in Kunstkreisen immer noch spekuliert. Wie er da so winzig und allein vor dem bedrohlich wirkenden Himmel am Strand steht, erscheint der Mönch verloren und unbedeutend im Vergleich zu den Naturgewalten um ihn herum.

Text: Philipp Zeitler

Bildquelle: Wikimedia

 

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100 Meisterwerke: 3. „Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch

Das schwarze Quadrat

Bei dem Gemälde „Das Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch handelt es sich um ein mit Öl auf Leinwand gemaltes Bild im Format 79 xl 79 Zentimeter. Das Gemälde entstand im Jahre 1915 und gilt als Initialwerk des Suprematismus, einer Kunstrichtung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland entstand. Der Suprematismus gehört zur Moderne und behielt seine Geltung bis zum Anfang der 1930er Jahre. Innerhalb der bildenden Kunst wird den Suprematisten eine Ideologie der Gegenstandslosigkeit zugeschrieben. Heute befindet sich das Gemälde in der Tretjakow-Galerie, einem staatlichen Kunstmuseum in Moskau.

Das Werk wurde erstmals 1915 in einer futuristischen Ausstellung in St. Petersburg präsentiert. Umgeben von anderen Werken Malewitschs war es an der höchsten Stelle einer Raumecke mit der Bildfläche leicht schräg nach unten angebracht. Diese Entscheidung wurde von vielen Besuchern als Sakrileg angesehen, da die „Gottesecke“ traditionell religiösen Werken vorbehalten war.

Allgemein werden Malewitschs Werke als „sachlich“ beschrieben und alle von ihm verwendeten Formen leiten sich aus einem Quadrat ab. So auch, wie der Titel schon sagt, „Das Schwarze Quadrat“.

Das Schwarze Quadrat, das die Bildmitte füllt, ist umrandet von einem weißen Rahmen, der ungefähr ein Fünftel der Breite des schwarzen Vierecks ausmacht. Bei dem Weiß des Rahmens handelt es sich nicht um ein homogenes, gleichmäßiges Weiß. Es mutet vielmehr wolkenartig an, es sind kleine graue Tupfen zu sehen, am oberen linken Rand zwei kleine unverbundene vertikale bis diagonale graue Striche, am unteren Rand, links der Bildmitte, sieht man einen winzigen Teil, der aussieht wie beigefarbene Bläschen, die zusammen eine ovale Form bilden.

Auch das schwarze Quadrat, dessen Seiten nicht exakt parallel sind, besteht nicht aus einer opaken und gleichmäßigen schwarzen Fläche. Es weist besonders in den oberen zwei Dritteln, ein paar Zentimeter von seinem Rand hin zur Mitte, eine intensive Craquelée auf. Craquelée bezeichnet ein maschenartiges Netz aus unterschiedlich kleinen Rissen und Sprüngen, das hier die oberste, schwarze Schicht des Quadrats durchzieht. Die Risse und Sprünge sind zum größten Teil weiß oder lassen zumindest weiß durchschimmern. Durch die Craquelée im mittleren Drittel in der linken Hälfte und am unteren Rand schimmert auch ein Rostbraun durch. Die Craquelée im unteren Drittel nimmt nicht die ganze Fläche des unteren Drittels ein, sondern besteht aus drei einzelnen Formen unterschiedlicher Größe, die fast als rechteckig angesehen werden können und miteinander nicht verbunden sind, von denen die linke und die rechte aber mit der großen Craquelée-Fläche der oberen zwei Drittel verbunden sind. Die linke Fläche ist niedriger, breiter und quadratischer, die rechte höher, länger und rechteckiger. Beide sind prägnanter als die Craquelée-Fläche in der Mitte.

Insgesamt sieht die ganze Craquelée mit ihren äußeren Umrissen für mich aus wie ein stilisiertes Rind, das den Kopf rechts oben hat, dessen Körper sich bis zum linken Rand erstreckt und das unten links ein kurzes breites Hinterbein und unten rechts ein langes dünnes Vorderbein besitzt.

Das gesamte schwarze Quadrat hat hellere und dunklere Stellen, die Farben gehen von tiefschwarz über grau bis hin ins fast Bläuliche und Grünliche. Am äußeren Rand des rechten Drittels, an einer Stelle ohne Craquelée, findet sich auf halber Höhe eine Stelle, die wie eine graue Wolke aussieht. Eine ähnliche Farbe findet sich links oben, dieses Mal aber von Craquelée durchzogen. Zwischen der Stelle, die ich als „Hinterbein“ bezeichne und der weniger prägnanten und kleineren Craquelée befinden sich hellgraue Tupfer, die einen Viertelkreis bilden.

Craquelée entsteht durch Alterungsprozesse oder wie in diesem Fall, wenn eine Farbschicht unter der obersten Farbe noch nicht ganz getrocknet ist, bevor die oberste Schicht aufgemalt wird. Die Trocknungsprozesse führen dann zu Rissen in der obersten Farbe, wodurch darunterliegende Farben durchschimmern. Von Malewitsch war das so angelegt, als er ein bereits fast fertig gestelltes Bild mit dem weißen Rahmen und dem schwarzen Quadrat übermalte. In späteren Untersuchungen wurde herausgefunden, dass es sich sogar um zwei übermalte Bilder gehandelt haben muss. Dieser Entstehungsprozess erklärt, warum zahlreiche Farben durch das Schwarz scheinen – je länger man das Bild betrachtet, desto mehr Farben, Konturen, Formen, Dimensionen, Struktur, Pinselstriche und -führung werden erkennbar.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass es über einen PC-Monitor recht schwer ist, das Gemälde gebührend zu beschreiben. Je nach Monitoreinstellungen kann es sein, dass ich andere Farben gesehen und andere Formen bemerkt habe, als wenn ich direkt vor dem Original gestanden hätte (was kurzfristig leider nicht ging, da es sich ja in Moskau befindet). Auch wird das Gemälde je nach Belichtung, Kamera, Nachbearbeitung etc. an den verschiedensten Stellen im Internet unterschiedlich dargestellt.

Text: Stef

Bildquelle: Wikimedia

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100 Meisterwerke: 2. „The Terror of War“ von Nick Út

Terror

„The Terror of War“ (dt.: „Der Schrecken des Krieges“) ist der Titel eines Fotos, das im Juni 1972 im Vietnamkrieg von dem Associated Press Fotografen Nick Út aufgenommen wurde. Es verdeutlicht noch heute, unter welchen brutalen Verbrechen die Zivilbevölkerung zu leiden hatte: weinende Kinder mit vor Angst verzerrten Gesichtern, die vor einem Napalmangriff auf den Ort Trảng Bàng weglaufen. Darunter die neunjährige Kim Phúc, die kurz zuvor ihre brennende Kleidung ausgezogen hatte und nackt und voller Schmerzen aus ihrem Dorf flieht.

Das Bild ist eine Schwarz-weiß Fotografie im Querformat. Eine zweispurige asphaltierte Straße verläuft vom Vordergrund perspektivisch schmaler werdend bis hinein in den Mittelpunkt des Fotos, wo sie in dunklem Rauch verschwindet. Der Rauch steigt aus dem Brand eines Napalmangriffs auf den Ort Trảng Bàng auf und nimmt fast die ganze obere Hälfte des Fotos ein. Nur am linken oberen Bildrand ist noch der letzte Rest des hellen Himmels ohne Wolken erkennbar. Es lässt sich auch nicht erkennen, welche Farbe der Himmel hat, was es umso schwieriger macht Wetter und Tageszeit einzuschätzen.

Am Ende der Straße ist vom Feuer und dem Dorf oder anderen Umrissen aufgrund des Rauchs nichts zu sehen. Rechts und links ist die Straße von vermutlich grünen Feldern gesäumt. Im Hintergrund stehen zwei Schilder am rechten Straßenrand, möglicherweise Ortsschilder oder Hinweistafeln. Eines davon befindet sich ganz weit im Hintergrund und wird vielleicht nur ein paar Minuten nachdem das Foto gemacht wurde vom Rauch eingenommen. Das andere Schild steht näher zum Betrachter etwa auf mittlerer Höhe des Fotos.

Auf der Straße flüchten fünf Kinder aus dem brennenden Ort und laufen auf den Betrachter zu. Der Schrecken in ihren Gesichtern wird von umstehenden Kriegsfotografen mit Kameras aufgenommen. Dabei fällt das Hauptaugenmerk auf die kleine, damals neunjährige Kim Phúc, die ganz nackt auf der Mitte der Straße läuft. Ihr Mund ist weit aufgerissen, möglicherweise schreit sie. Ihr Gesichtsausdruck zeigt Schmerz und Angst. Sie ist sehr dünn, hat schwarzes nackenlanges Haar und helle Haut. Im Laufen wirkt Kims Körperhaltung ganz verkrümmt, ihre Arme hält sie seitwärts vom Körper weg, als sei sie eine Marionette. Ihr rechtes Bein steht grade auf der Straße, während ihr linkes Bein in der Laufbewegung weiter hinten ist. Es macht den Eindruck als würde sie zügig laufen und fast rennen. Was der Betrachter nicht weiß und nicht sieht ist, dass ihr Rücken und ihr hinterer linker Arm verbrannt sind. Die Bildqualität ist nicht scharf genug, um zu erkennen, ob beispielsweise ihre Haut sauber oder schmutzig ist, genauso wenig lässt sich sagen, welche Augenfarbe sie hat.

Im Vordergrund links läuft ein Junge, etwas älter als Kim Phúc, mit einem ebenso erschrockenen und angstverzerrten Gesicht. Er hat kurzes schwarzes Haar, trägt ein weißes kurzärmliges Hemd mit Knöpfen und eine kurze dunkle Hose. Seine Füße sind am unteren Bildrand kaum noch zu sehen. Während er läuft ist sein rechtes Bein nach vorn angewinkelt und das linke ist durchgestreckt. Der linke Arm ist in der Bewegung nach vorn gestreckt und der rechte fällt seitlich nach hinten weg. Beide Arme sind auf dem Foto etwas verschwommen, was vermuten lässt, dass der Junge sie schnell bewegt.

Schräg rechts hinter Kim Phúc läuft noch ein kleiner, etwa fünfjähriger Junge an der Hand eines Mädchens, das etwa elf Jahre alt sein könnte. Er trägt eine Hose und ein Hemd mit Knöpfen, eventuell einen Schlafanzug. Das Mädchen ist mit einer schwarzen Hose und einer weißen, kurzärmligen Bluse bekleidet. Schräg links hinter Kim Phúc läuft ein sehr kleiner Junge von maximal fünf Jahren am Straßenrand. Er trägt nur ein weißes langärmliges Hemd. Er scheint grade noch Anschluss zu den anderen Kindern zu haben und schaut im Laufen noch einmal zum verrauchten Dorf zurück.

Alle Kinder sind barfuß. Neben ihnen sind insgesamt sieben Männer, die teilweise mit Kameras ausgerüstet sind und das grausame Spektakel filmen. Es scheinen Soldaten und Kriegsfotografen zu sein. Vier von ihnen laufen hinter den Kindern auf der Straße, zwei weitere laufen am rechten Straßenrand. Einer der Männer ist auf Höhe der Kinder und scheint sich auf etwas zu konzentrieren, dass er in seinen Händen hält. Möglicherweise eine Kamera. Alle Männer tragen kuppelartige Helme, Uniformen und Gewehre, es lässt sich jedoch nicht sagen, ob es US-Soldaten oder vietnamesische Soldaten sind. Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen. Im Gegensatz zu den Kindern laufen die Männer ruhiger. Zwei der Männer schauen im Gehen zurück, um noch einmal einen Blick auf das niedergebrannte Trảng Bàng zu werfen.

Nick Út wurde mit dem Foto weltberühmt. Es wurde zum Pressefoto des Jahres 1972 gekürt und gewann den Pulitzerpreis. Dieses Foto, sowie andere veröffentlichte Aufnahmen des Vietnamkrieges trugen zu globalen Friedensbewegungen und Anti-Kriegsprotesten bei. Erst drei Jahre später 1975 wurde der Vietnamkrieg für beendet erklärt. Kim Phúc lebt heute mit ihrer Familie in Canada und setzt sich aktiv für Kriegsopfer ein.

Text: Anna Blankenburg

Bildquelle: Wikimedia

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