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Workshops zur Geschichte der Fotografie: 1 Was ist ein gutes Bild?

In unserer Workshop Serie über Fotogeschichte und Ästhetik laden wir Fotografierende und Kunsthistoriker_Innen ein uns anhand von Beispielen zu erzählen was für sie ein „gutes“ Foto ausmacht

Letzten Samstag hatten wir Petra Schröck von der Brotfabrik Galerie in Berlin zu gast und im Gespräch mit ihr, Studierenden der Alice Salomon Hochschule und unseren blinden Fotografierenden tauschten wir uns über von Petra ausgewählte berühmte Fotografien und Methoden der Bildbeschreibung für blinde und sehbehinderte Kunstinteressenten aus.

Was macht ein gutes Bild aus?

Subjektive Entscheidung

Ob ein Bild „gut“ ist hängt hauptsächlich vom subjektiven Empfinden des einzelnen Betrachtenden ab. Experten und Laien gleichermaßen sagen, sie erkennen ein „gutes“ Bild, wenn sie es sehen. Das mag arrogant klingen, aber es handelt sich letztendlich um eine individuelle Ansicht.

Trotzdem gibt es weltberühmte Werke, die viele Menschen zumindest flüchtig kennen. Ein „gutes“ Bild hat Wiedererkennungswert und löst im Betrachtenden Gefühle oder Erinnerungen aus. Es ist nicht unbedingt ästhetisch „schön“; man denke zum Beispiel an ikonische Bilder von Konzentrationslagern, Katastrophengebieten oder Kriegsopfern in denen weder die Landschaften noch die Menschen dem allgemeingültigen Schönheitsideal entsprechen. Diese Bilder können in Menschen Schock, Ärger und Trauer auslösen.

Widererkennungswert

Angesichts der gegenwärtigen Bilderflut im Allgemeinen sind aber weder Schockierende noch ästhetisch ansprechende visuelle Eindrücke genug, um dauerhaft im Gedächtnis des Betrachtenden zu bleiben. Als Bilder noch gemalt wurden und vor dem Zeitalter der Digitalen Fotografie, war ein Bild schon aufgrund seiner Seltenheit und der aufwändigeren Herstellung bemerkenswert.  Im Zeitalter von Flicker und Instagram scrollen wir gedankenverloren durch Bilder und bleiben selten länger als den Bruchteil einer Sekunde bei einem Motiv.

Assoziation mit Erinnerungen oder Gefühlen

Sonnenuntergänge sind ein typisches Beispiel für etwas ästhetisch Erhabenes, das in den meisten Fällen den Betrachtenden trotzdem wenig berührt. Letztendlich gleicht ein Sonnenuntergang ob fotografiert oder gemalt dem anderen. Natürlich ist ein blutroter, lila oder orangefarbener Himmel oberflächlich „schön“, aber abgesehen vom Fotogrefierenden der oder die besondere Erinnerungen an den Ort oder die Zeit der Entstehung des Fotos hat, ist er beliebig austauschbar. Naturschauspiel wie Sonnenuntergänge sind schwer abbildbar weil sie nicht nur auf Visuellen Eindrücken beruhen. Luft, Stimmung und Geräusche können sich verändern. Ein Bild das diese anderen Sinneswahrnehmungen darstellt wäre interessant. Hier liegen potentiell die Stärken von blinden und sehbehinderten Fotografierenden, die für andere Wahrnehmungen als offensichtliche visuelle Ersteindrücke besser sensibilisiert sind. 

Das heißt nicht, dass man keine Sonnenuntergänge fotografieren sollte, immerhin wurden sie zum Klischee, weil sie zu den am häufigsten fotografierten Motiven gehören, aber ein wirklich „gutes“ Foto löst auch Empfindungen in anderen Personen aus. Es zeigt einen Moment an einem Ort wie er wirklich gewesen ist oder von der Künstlerin empfunden wurde. Richtig präsentiert zum Beispiel im Großformat in einem ansonsten leeren Raum kann ein Sonnenuntergang sehr wirkungsvoll sein.

Kunstwerk, Fotografierender und Betrachtender

Ein Foto zeigt nicht nur das abgebildete Motiv sondern verrät auch direkt oder indirekt etwas über den Künstler. In erster Linie muss dem oder der Fotografierenden selbst das Bild gefallen und wenn er oder sie dann noch mehr Menschen findet, denen es gefällt, dann ist es ein Erfolg. Manche Künstler wollen mit ihren Bildern den Betrachtenden ihre eigenen Emotionen und Erinnerungen vermitteln, andere wollen „Realität“ und „Wirklichkeit“ abbilden oder die Betrachtenden verwirren oder zum Nachdenken anregen.

Letztendlich ist jedoch die Absicht der Künstlerin für Betrachtende oft wenig relevant. Das Kunstwerk entwickelt ein „Eigenleben“ unabhängig von Person und Intention des “Schaffenden“. Biografische und zeitgeschichtliche Zusatzinformationen eröffnen oft Zugänge zu weiteren Interpretationsmöglichkeiten, aber sie sind für den Widererkennungswert und das Gefallen oder Nicht-Gefallen eines Werkes ehr wenig entscheidend. Das gleiche Bild kann verschiedene, manchmal sogar gegensätzliche Reaktionen in Betrachtenden auslösen.

Wie werden Kunstwerke berühmt?

Objektivere Kriterien

Trotz all dieser subjektiven Auswahlkriterien git es auch objektivere Merkmale, die ein „gutes“ oder zumindest berühmtes Werk ausmachen. Experten beurteilen Komposition und Linienführung, Licht, Farben, Atmosphäre und technische Umsetzung. Für Petra persönlich ist die technisch perfekte Umsetzung eher weniger vorrangig. Man braucht keine teure Ausrüstung um gute Bilder zu machen. Wichtig ist ein Auge oder Gefühl für den Moment zu haben und ihn festzuhalten.

Technisch perfekt vs. Schnappschuss

Technisch perfekte Bilder können kalt und leer wirken, während zufällige Schnappschüsse einzigartige Gesten und Momente festhalten können. Details, die unbeabsichtigt ins Bild geraten sind, können ein Foto gerade besonders machen. Kein Moment ist perfekt und daher muss die Abbildung auch nicht perfekt sein. Die Freude zufällig einen Vogel im Flug auf einem Bild festzuhalten kann einen Schnappschuss einzigartig machen. Einige Fotografierende warten lange auf den richtigen Moment, während andere schaffen gezielt eine Umgebung in der sie dann ein Bild suchen.

Besonders in der Kunstfotografie ist das faszinierende nicht das vom Fotografierenden beabsichtigte Thema des Bildes, sondern Details die auf den ersten Blick nicht zu sehen sind. Auf der anderen Seite können Bilder in denen zu viel passiert, die Wahrnehmung zu sehr überfluten.  Es kann nicht schaden, die allgemeinen Regeln des „ästhetischen“ Fotografierens zu kennen, aber man muss sie nicht immer befolgen.

Zufall und Kanonisierung in der Kunstszene

Das ein Bild ikonische Berühmtheit erlangt ist oft schlicht und einfach Zufall. Ein anerkannter Kunstkritiker entdeckt eine Künstlerin und vermarktet und fördert sie entsprechend. Ein Foto geht in den Medien um die Welt, weil es in einem historischen Moment an einem relevanten Ort geschossen wurde und die Stimmung der Menschen widerspiegelt. Oder eine Style wird als neu und innovativ angesehen. Bilder die schon berühmt sind werden von mehr Menschen gesehen und als Norm des „Berühmt-Seins“ akzeptiert. Menschen hinterfragen unter Umständen gar nicht so genau, ob sie das Bild „gut“ findet. Die „Fachleute“ haben es ausgewählt und ab sofort gehört es zur Allgemeinbildung. Die Berühmtheit wird durch die Medien und Kunstgeschichtsschreibenden weiter gefestigt.

Wie mache ich ein „gutes“ Foto?

Da es keine eindeutige Definition eines „guten“ Fotos gibt, kann es auch keine Schritt für Schritt Anleitung geben wie man es macht. Einige „Klassiker“ der Fotografie zu kennen ist gut für die Allgemeinbildung und kann auch bei der persönlichen Weiterentwicklung als Fotografierender helfen. Schlichtes Nachstellen ist natürlich nicht besonders originell aber man kann sich an Beispielen orientieren, mit ihnen arbeiten und sie verändern.

Hier eine kurze Zusammenfassung von Merkmalen, die ein „gelungenes“ Foto ausmachen können. Berühmte Bilder erfüllen oft mehrere dieser Kriterien. Die List ist aber keinesfalls vollständig.

  • Es gefällt dem Fotografierenden.
  • Es berührt andere Menschen emotional und bleibt in ihrer Erinnerung.
  • Es stellt einen historischen Ort, ein wichtiges Ereignis oder eine Stimmung dar.
  • Es wird von der Öffentlichkeit als ästhetisch ansprechend und originell empfunden.
  • Es vermittelt mehr als nur eine rein visuelles Abbild.
  • Es ist ein Schnappschuss einer interessanten Zufallsszene.
  • Es gefällt Kritikern und Kunsthistorikern und wird dementsprechend vermarktet.
  • Es gibt eine Hintergrundgeschichte zum Foto selbst, dem motiv oder über den Künstler.
  • Technik und Stil sind innovativ oder kontrovers.
  • Technische Umsetzung, Komposition, Linien –und Farbführung, Licht und Atmosphäre sind wirkungsvoll.
  • Es wird wirkungsvoll inszeniert zum Beispiel in einer Ausstellung.

Im zweiten Teil zum Seminar wird es mehr um die Live-Bildbeschriebung der von Petra mitgebrachten „Meisterwerke“ gehen.

 

 

 

 

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Blinde Experten für Barrierefreies Möbeldesign gesucht

Hättet ihr gerne weniger Spitze ecken an Tischen, Sofamaterialien die sich gut anfassen, Arbeitsflächen mit Kontrasten oder solche auf denen man so wenig wie möglich Fingerabdrücke sieht?

Wenn ihr Ideen habt, wie Möbel für blinde und Sehbehinderte Nutzerfreundlicher gestaltet werden können oder einfach einer Gruppe von Studenten aus eigener Erfahrung erzählen möchtet was ihr schön und praktisch findet und ihr außerdem kommenden Montag in Berlin seid und noch nichts vor habt, dann meldet euch doch als Experte für einen Workshop mit Studierenden der Kunsthochschule Weißensee. Es geht um die Barrierefreiheit von Möbeln, insbesondere darum worauf ihr und eventuell andere blinde und Sehbehinderte Menschen wert legen.

Wann? Montag 18. 4. 10:00 bis 16:00, wobei ihr nicht unbedingt bis zum Ende bleiben müsst

Es gibt eine kleine Aufwandsentschädigung

Wo? künftiges TUECHTIG in den ehemaligen Osram Höfen, Oudenarder Str. 16 in Berlin-Wedding

Bei Interesse und weiteren Fragen meldet euch bei Stefanie Trzecinski trzecinski@kopfhandundfuss.de.

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Interview mit Tanzfähig: Initiative für mehr Körperliche Vielfalt im Zeitgenössischen Tanz

Tanzende mit und ohne Rollstuhl

Wer genau steckt eigentlich hinter tanzfähig und wie beschreibt ihr / beschreibst du deine eigene Beziehung zum Tanzen?

Hinter tanzfähig stecken wir, Evelyne Wohlfarter und Bernhard Richarz. Seitdem wir 2010 begonnen haben, unsere Vorstellungen zum Tanz gemeinsam umzusetzen, haben wir tanzfähig zur jetzigen Initiative für mehr körperliche Vielfalt im zeitgenössischen Tanz entwickelt.

BERNHARD: Meine Beziehung zum Tanz hat sich über die Zeit hinweg verändert. Derzeit interessiert mich vor allem, wie Menschen im Tanz nicht-sprachlich kommunizieren, wie sie sich verständigen können, wenn sie dafür allein ihren Körper nutzen, wie sie dabei auf Inhalte zurückgreifen, die sie in ihrem Körpergedächtnis abgespeichert haben, und wie sie sich darin außenstehenden Dritten, dem Publikum so mitteilen können, dass sie verstanden werden.

EVELYNE: Es fällt mir nicht leicht, meine Beziehung zum Tanz in Worten zu beschreiben. Ist der Tanz nicht eine eigene Sprache? Seit unserer letzten Produktion „Als der Flieder blühte, …“ wurde es für mich sehr deutlich, dass unser Körper alles Erlebte speichert und es dauerhaft aufzubewahren vermag. Sehe ich mich – sowohl in der pädagogischen Arbeit, als auch im choreografischen Schaffen – als Raumöffnerin: Ich schließe einen Raum auf und bringe die Geschichten aus dem Körper ins Tageslicht. Faszinierend finde ich, dass diese Geschichten ohne jegliche Verbalisierung körperlich über Generationen weitergegeben werden.

 

Wie bist du [seid Ihr] auf die Idee gekommen tanzfähig zu starten?

BERNHARD: Ich wollte wieder tanzen, aber wegen meiner Behinderung war es damals für mich nicht vorstellbar, den allgemein angebotenen Unterricht zu besuchen. Da lernte ich 2003 in Bremen auf der Sommer-Uni „DanceAbility“ kennen und fühlte mich sehr davon angesprochen. Da es das in Berlin nicht gab, machte ich 2006 in Wien bei Alito Alessi das sog. DanceAbility Teacher Training und begann danach mit tanzfähig.

EVELYNE: Im Rahmen meines Studiums der Musik- und Tanzpädagogik hatte ich mich intensiv mit dem Thema Inklusion und Tanz auseinandergesetzt. Mein Traum war es, eines Tages eine inklusive Tanzcompanie zu leiten. Nachdem ich in 2009 Berlin angekommen war, recherchierte ich in der Szene und fand nichts, das meinen Ideen entsprochen hätte. So organisierte ich ein wöchentliches Tanztraining für Erwachsene und Jugendliche in Neukölln. Ich besuchte auch Bernhards Training, welches unter dem Namen tanzfähig lief.

BERNHARD: Ja, ja, mein Training entsprach auch nicht so ganz Deinen Vorstellungen.

EVELYNE: Wir verstanden uns sehr gut und in vielen Stunden Gespräch merkten wir, dass wir gleiche Vorstellungen hatten, worauf es uns im Tanz ankam. So wagten wir unseren ersten gemeinsamen Workshop und gestalteten einen Flyer mit unser beider Termine für das Training darauf, was vorerst noch getrennt voneinander lief. Dabei blieb es nicht, und so wuchs der Wunsch, die Sache größer werden zu lassen; ein Logo und eine Website entstanden. Es war eine sehr fruchtbare Zeit, weil wir Begriffe finden mussten, die eindeutig bezeichneten, was wir wollten. Der Namen tanzfähig blieb, und so nannten wir unsere Initiative.

 

Ihr habt dieses Jahr zehnjähriges Bestehen, wie hat sich das Projekt seit 2006 weiter entwickelt und was hat sich verändert?

EVELYNE: tanzfähig hat sich immer wieder im Wandel befunden und wird sich weiter wandeln. Das Samenkorn, das Bernhard 2006 mit dem wöchentlichen Training gelegt hat, ist heute eine schöne Pflanze…

BERNHARD: Das liegt auch daran, dass Du kräftig gedüngt hast. Anfangs war tanzfähig noch stark von DanceAbility geprägt, also dem Konzept der gemeinsamen Tanzimprovisation von Menschen mit und ohne Behinderungen.

EVELYNE: Mir war es wichtig, andere Formen des zeitgenössischen Tanzes einzubringen und das Künstlerische zu fokussieren. Darüber merkten wir, dass Behinderung für uns keine Kategorie war, die für uns zählte, sondern es war vielmehr die Vielfalt der Körper.

BERNHARD: Was wir jetzt machen, lässt sich gut mit dem Begriff „Ästhetik der Differenz“ bezeichnen. Wir wollen gerade die Verschiedenheit der Körper sichtbar machen, uns von ihrer Vielfalt leiten lassen und ihre Schönheit stimmig zusammenführen.

 

Viele Leute stellen sich unter tanzen entweder klassischen Paartanz oder „rumhopsen“ in der Disco vor, was für eine Art von Tanz macht ihr?

Wir bieten zeitgenössischen Tanz an. Es geht dabei nicht darum, von außen gesetzte Schritte nachzuvollziehen, sondern in der Tanzimprovisation Bewegung zu entwickeln, die dann für sich stehen oder in einer Choreografie eine feste, wiederholbare Form bekommen kann.

 

Viele Menschen würden wahrscheinlich gerne tanzen, aber denken sie sind nicht athletisch genug, zu alt, zu unbeweglich, zu langsam … Wer kann bei euch mittanzen und wie läuft es ab, wenn jemand zum ersten Mal zu einer eurer Tanzstunden kommt?

Wenn jemand Bedenken hat zu tanzen, dann müssen wir ihn oder sie ermutigen, es trotzdem zu versuchen. Was jemand dafür braucht, ist sicher immer ganz unterschiedlich, und unsere Aufgabe als Anleitende ist es, das zu finden, was jemanden weiter bringt. Es gibt für uns im Tanz kein „zu alt“ oder „zu unbeweglich“: Dennoch kann sein, dass jemand, der es nicht gewohnt ist zu tanzen, sich gerade bei den ersten Malen so erlebt. Das kann für die Betreffenden ganz schön hart werden. Wer dann bereit ist, seine Vorstellungen von sich und von dem, was Tanz bedeutet, zu überprüfen und zu verändern, der oder die kann bei uns gut mittanzen. Mit anderen Worten: Tänzerische Vorerfahrungen, Behinderungen jeglicher Art oder verschiedene kulturelle Prägungen sind uns willkommen, aber nicht erforderlich.

 

Wo und wann tanzt ihr?

Wir bieten derzeit ein wöchentliches Training „Zeitgenössischer Tanz in körperlicher Vielfalt“ an. Es findet jeden Donnerstag von 18:30 bis 20:30 Uhr im Ada-Studio, Uferstr. 23 / Badstr. 41a in Berlin-Wedding statt. Die Anmeldung dafür geschieht über: bernhard@tanzfaehig.com

Außerdem gibt es immer wieder zusätzliche Veranstaltungen. Die Termine dazu stehen dann auf unserer Website: http://www.tanzfaehig.com

 

Man kann euch auch für Veranstaltungen in Institutionen, Feste und Aufführungen buchen. Wo seid ihr schon überall aufgetreten?

Unser Konzept haben wir schon auf verschiedenen Tagungen von Deutschland bis Brasilien vorgestellt. Ebenso haben wir schon im In- und Ausland unterrichtet. Von unseren künstlerischen Produktionen hat vor allem der Video-Tanz „triptychon“ international Verbreitung gefunden und sogar einen Preis gewonnen. Durch unsere Internet-Präsenz sind wir weltweit vertreten…

 

Kennt ihr ähnliche Projekte in Deutschland oder weltweit, für Interessierte, die nicht in Berlin wohnen?

Natürlich ist das, was wir machen, nicht einzigartig. Insofern gibt es andere, ähnliche Projekte. Wenn wir da jetzt anfangen aufzuzählen, können wir in Teufels Küche kommen, weil wir sicher jemanden nicht nennen, der meint, an dieser Stelle genannt werden zu müssen.

 

Ihr versucht allen Menschen die Interesse haben, die Möglichkeit zu geben Teil eurer Gruppe zu sein. Wie funktioniert das? Um ein extremes Beispiel zu bringen: Können Blinde, Gehörlose und Rollstuhlfahrer_Innen zusammen tanzen und wenn ja wie kommunizieren sie miteinander?

EVELYNE: Wie Menschen miteinander kommunizieren können, die unterschiedliche körperliche Voraussetzungen haben, ist gerade das, womit wir uns befassen. Das kann schon auch mal schwierig werden und einige Zeit brauchen, bis wirklich eine tänzerische Kommunikation entsteht.

BERNHARD: Die Kommunikation im Tanz ist nicht dadurch erschwert, dass jemand behindert ist. Angesichts der verschieden körperlichen Bedingungen, die bei uns zusammen kommen können, fällt sie manchmal sogar Nicht-Behinderten schwerer. Ich denke an eine nicht-behinderte Tänzerin, die schon vor Beginn des Unterrichts umgekehrt ist, weil es ihr zu viele Rollstühle waren. Oder an die Teilnehmerinnen, die sich nach einem Unterricht, wo wir viel in körperlichem Kontakt getanzt hatten, darüber empörten, es sei für sie übergriffig gewesen, ohne zu verstehen, dass gerade die viele Berührung notwendig war, weil eine andere Teilnehmerin sonst nicht mitbekommen hätte, was im Studio geschah, weil sie nicht sah und schlecht hörte. Darüber wurde mir klar, dass manche, die so ganz nichtbehindert erscheinen, für das, was wir machen, viel mehr behindert sind als offensichtlich Behinderte.

EVELYNE: Kommuniziert wird im Tanz mit dem Körper und dem ihm gegebenen Möglichkeiten. Dafür braucht es Offenheit für die Anderen und Neugierde, ungewohnte Kommunikationswege beschreiten zu wollen; übrigens auch Eigenschaften, die mitbringen sollte, wer bei uns mittanzen will. Aus unserer Erfahrung können wir manche Wege aufzeigen, die möglich sind. Oft wissen wir aber auch nicht, wie die unterschiedlichen Menschen unsere Angebote annehmen. Beim Unterrichten sind wir daher gefordert, ständig aufmerksam zu sein und entsprechend zu antworten. Wir lernen immer wieder Neues dazu: Unsere Workshopreihe „Aufbruch ins Unerwartete“ benennt sehr gut, worum es für alle Beteiligten geht.

 

In euren Performances müssen sich die Tanzenden nicht unbedingt synchron bewegen, da es nicht um Uniformität geht, gibt es trotzdem Regeln oder zumindest Schritte, die man lernen muss?

Eine Performance folgt einer Choreografie. Da arbeiten wir schon auch mit wiederholbaren Strukturen und ganz genau festgelegten Bewegungsfolgen. Es kann aber auch sein, dass für die Performance nur die emotionale Qualität festgelegt ist, in der eine Bewegung erfolgen soll, oder die Form der Interaktion, aber nicht der Inhalt. Die Freiheitsgrade sind verschieden. Das kann bis zu einer weitgehend offenen Improvisation gehen, wo vorher nur die Mitwirkenden feststehen und vielleicht noch ungefähr die Dauer der Performance, aber nicht, wie sie miteinander tanzen.

 

Was können Teilnehmende bei euren Tanzveranstaltungen sonst noch lernen und für sich selbst mitnehmen, abgesehen vom Tanzen natürlich?

Selbstvertrauen, soziale Kompetenz, Spontaneität, Körperwahrnehmung und Körperausdruck, Entspannung und Aufmerksamkeit. Aber das ist alles nicht spezifisch für uns, sondern gilt allgemein für jedes Tanzen.

 

Steht für euch eher Tanz als Kunstform, Tanzen als Freizeitaktivität oder der Aspekt der Inklusion und Vielfalt im Vordergrund von tanzfähig?

Im Vordergrund steht die körperliche Vielfalt im Tanz als Kunstform. Inklusion ist ein Begriff der Gesellschaftspolitik und hat unseres Erachtens für Kunst keinerlei Aussagekraft. Nur wenn wir uns irgendwo erklären müssen, wo jemand gar keine Ahnung hat, sagen wir dann auch mal, dass wir integrierten oder inklusiven Tanz machen. Wir tanzen einfach mit allen Menschen, die Lust haben, mit uns zu tanzen. Nennt es, wie ihr wollt.

Wo kann man euch demnächst live sehen?

Beim Tanztag MOVEYOURTOWN in Hannover im April wird Videomaterial von uns zu sehen sein. Bernhard wird im Mai Referent bei einem Seminar am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin sein, wo sich die Studierenden mit verschiedenen Modellen des integrierten Tanzes befassen werden. Im Juni werden wir in Helsinki auf dem Festival MeetShareDance unterrichten. Evelyne wird im Juli auf einem Symposium an der Universität Mozarteum in Salzburg einen Vortrag über tanzfähig und unsere Arbeit mit neuen Medien halten. – Im wöchentlichen Training in Berlin kann man uns außerdem ständig live erleben.

 

Spielen Kostüme und Musik in euren Aufführungen eine Rolle?

Da bei einer Aufführung dem Publikum etwas vermittelt werden soll, machen wir uns bei einer Produktion wie andere Künstler_Innen natürlich auch Gedanken, wie die Aussage durch Musik, Kostüm oder Bühnenbild verstärkt werden kann. Das gehört einfach dazu.

 

Was plant ihr für die Zukunft von tanzfähig beziehungsweise was würdet ihr euch wünschen?

EVELYNE: Wir würden uns noch mehr interessierte Menschen wünschen, die mit uns aufgreifen und umsetzen, was uns bei tanzfähig wichtig ist. Gut besuchte Tanzstudios bei unserem Training und den Workshops. Eine Produktion, geleitet von einem renommierten Choreografen. Weiteren nationalen und internationalen Austausch. Auch planen wir ein Nachwuchsprogramm, das allerdings noch in Kinderschuhen steckt. Damit wollen wir Menschen mit und ohne Behinderungen ansprechen, die sich unter den Bedingungen der körperlichen Vielfalt ausdrücken wollen.

BERNHARD: Ich denke, wenn wir unseren Ansatz der körperlichen Vielfalt im Tanz weiterführen, werden wir noch mehr zum Subjektiven kommen, wie es die Einzelnen im Tanz bewegt und miteinander verbindet. Und wir werden sehen, was wir dafür brauchen bzw. was wir dafür bekommen, um unsere Vorstellungen zu verwirklichen.

 

Weitere Infos:

Webseite

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Foto copyright Martin Neumann

 

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Workshops in Fotogeschichte und Ästhetik für blinde Fotograf_Innen und alle, die Interesse haben

Es ist soweit. Im nächsten Monat werden wir mit unseren Workshops beginnen.

Wir konnten die Kunsthistorikerin Petra Schröck, Leiterin der Brotfabrik Galerie und die Fotografen Sabine Wührich, Jörg Möller, Micha Winkler und Stephan Wilke, den ihr schon vom Seminar im letzten Sommer kennt, gewinnen, euch jeweils einen Samstag lang zu erzählen, was ihnen an der Fotografie und einem Foto wichtig ist. Was sie unter einem guten Foto verstehen und was sie denken, was es ausmacht.

Ihr seid alle herzlich eingeladen!

Details:

Wo? Karsten Hein, c/o W.I.M.

Crellestr. 19/20, 2. Hof, 4. OG, 10827 Berlin

Wann? Samstag 16. 4. 2016 11:00 Uhr, weitere Termine folgen

Was? Vortrag und Gesprächsrunde mit Fotografen und Kunsthistorikern

Für wen? Blinde und sehbehinderte Fotograf_Innen, Bildbeschreiber_Innen, Teilnehmende an unseren Praxisworkshops und alle, die sich für Kunst und Fotografie interessieren.

 

Wir freuen uns auf euch!

 

 

 

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Unser Workshop im Radio

Bei unserem Fotoworkshop mit Silja sind zwei Radiobeiträge entstanden. Hier ist der Beitrag von Andreas Becker für Deutschlandradio Kultur zum Nachhören. Und hier der von  Juliane Neubauer für den Deutschlandfunk.

 

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Abschied vom Tempelhofer Feld an einem sonnigen Tag von Silja

Zwei Frauen in einer Menschenmenge vor der Bahnhofstreppe

Beschreibung von Sarah

Dieses Foto im Querformat wurde in der Bahnhofshalle des S-Bahnhofs Berlin Tempelhof aufgenommen. Im Vordergrund des Bildes stehen mittig Meike und Stephie ca. 2 Meter vor den Treppen, die hoch zum Gleis führen. Meike steht auf der linken Seite. Sie ist dabei der Treppe zugewandt, dreht sich aber mit Oberkörper und Kopf in Richtung Kamera. Der Bildausschnitt endet etwas unterhalb der Knie der beiden Hauptpersonen. Meike trägt eine kurze Jeansshorts und eine blaue Bluse mit Dreiviertelärmeln, die an der Hüfte und den Ärmeln gerafft ist. Darunter ist sie mit einem dunkelblauen Top bekleidet, das unter der Bluse hervorkommt. Außerdem hat sie einen brauen Rucksack auf.

Meike hebt zum Abschied ihren rechten Arm und winkt damit in Richtung Kamera. Den Arm hat sie dabei nur leicht angewinkelt. Ihr Kopf ist zum Teil von diesem Arm verdeckt, das Gesicht ist jedoch vollständig sichtbar. Meike lächelt. Dabei sind ihre Mundwinkel jedoch etwas heruntergezogen und ihr Mund ist vollständig geschlossen. Das Lächeln findet sich auch in ihren Augen wieder. Die Haare sind partiell durch den Arm verdeckt. Es ist jedoch erkennbar, dass Meike kinnlange braunrötliche Haare trägt. Vom linken Arm ist nur die Hand sichtbar. Auf der rechten Seite steht Stephie. Auch sie wendet sich der Treppe zu und schaut zur Kamera zurück. Stephies und Meikes Oberkörper sind dabei zueinander gedreht.

Stephie trägt eine weißgrundige knielange Hose, die durch schwarze Steifen gitterartig gemustert ist. Dazu ist sie mit einem weißen T-Shirt bekleidet. Sie hat schulterlange schwarze Haare. Den Pony hat sie mit einer Spange oben auf dem Kopf befestigt, so dass auch ihre Stirn sichtbar ist. Sie trägt eine Brille mit roten Bügeln und rotem Rand oberhalb des Glases. Unterhalb des Glases ist die Brille randlos. Auch Steffi lächelt mit geschlossenem Mund. Ihre Mundwinkel sind dabei leicht hochgezogen. Sie hat ihren linken Arm gehoben und winkt mit angewinkeltem Arm. Der rechte Arm ist vom Körper verdeckt.

Direkt hinter Meike und Stephie laufen eine Frau und ein Kind mit einem Kinderwagen her. Links neben Maike gehen eine Frau und ein Mann, die beide Tüten tragen. Rechts neben Stephie sind Bierkisten gestapelt. Die oberen Kisten sind mit einer durchsichtigen Plastikfolie bedeckt. Durch den Bildausschnitt sind jedoch nicht alle Kisten sichtbar.

Hinter den Beiden laufen einige Fahrgäste die Treppe zum Gleis herauf und eine größere Anzahl läuft die Treppen hinunter. Es scheint kurz vorher eine Bahn in den Bahnhof eingefahren zu sein. Der Boden einschließlich der Treppenstufen sind dunkelgrau und die Wände gelb gefliest. An den Wänden sind auf beiden Seiten graue Handläufe und blaue Schilder, die die verschiedenen S-Bahnlinien, die von diesem Gleis abfahren, ausweisen. Auf der linken Seite hängt ein gerahmtes Poster, das auf eine Veranstaltung hinweist. Auf der rechten Seite sind Schilder (Rauchverbot und Kameraüberwachung) angebracht. Außerdem ist ein Stück von einem roten Kasten, der in die Wand eingelassen ist, sichtbar. Am Ende der Treppe befinden sich das graue Metalldach des Gleises und ein weiteres blaues Schild. Das letzte Drittel der Treppe ist durch einfallendes Sonnenlicht viel heller

 

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