Ein schönes Statement von Anja: Hör doch auf damit! Das ist doch peinlich! – Blind fotografieren.
Schlagwort-Archive: blinde Fotografen
Unser Englischer Blog ist nach photonarrations.wordpress.com umgezogen
Unser Englischer Blog „Photo Narrations for the Blind and Sighted“ ist nach https://photonarrations.wordpress.com umgezogen und Tina unsere neue Editorin stellt sich vor.
Für alle die es noch nicht wussten: Es gibt auch eine Englische Variante unserer Webseite – „Photo Narrations for the Blind and Sighted“. Allerdings ist sie keine reine Übersetzung, sondern eine unabhängige Version unserer Projekte, um sie einer weltweiten Leserschaft zugänglich zu machen und natürlich um noch mehr Menschen die Möglichkeit zu geben sich aktiv zu beteiligen. Besonders gelungene Deutsche Texte werden übersetzt, aber wir möchten andere Bilder zum Beschreiben. Wir sind gespannt ob sich die beiden Blogs in ähnliche oder unterschiedliche Richtungen entwickeln.
Bis vor Kurzem war der Englische Blog unter https://picdesc.wordpress.com zu finden, dort werden ab sofort keine Beiträge mehr veröffentlicht. Ihr findet auch dort einen Hinweis auf die neue Seite.
Der neue Blog orientiert sich vom Aussehen mehr am Deutschen Blog. Wir haben versucht es euch so einfach wie möglich zu machen Bilder und Beschreibungen zu schicken und uns in sozialen Netzwerken zu folgen. Ihr könnt Beiträge anhand der zugeordneten Kategorien, nach Schlagwörtern oder Monat filtern und die Teilen-Schaldflächen unter jedem Post erleichtern es euch euren Freunden und Followern von unserem Blog zu erzählen.
Anregungen zum Aussehen und der Bedienbarkeit des Englischen Blogs bitte an picdesc@gmail.com.
Tina unsere neue Editorin stellt sich vor:
Tina in einem blauen Shirt mit Bäumen im Hintergrund. Sie hat schulterlange hellbraune Haare und lächelt.
Hallo Zusammen,
ich bin Tina Paulick (23) und studiere Anglistik in Leipzig und Irish Studies in Galway (Irland). Seitdem ich mich während meines ERASMUS-Austauschjahrs in 2013-14 in Irland verliebt habe, teile ich meine Zeit zwischen beiden Ländern auf. Ich schreibe einen Blog über mein Studium mit Sehbehinderung, meine Reisen, Menschen denen ich begegne und alles was mich sonst noch so bewegt. Ansonsten bin ich gerne sportlich aktiv, besonders beim Schwimmen und Tandemfahren. Seitdem ich mich für den Blog mehr damit beschäftige, interessiere ich mich auch fürs Fotografieren. Ich freu mich schon darauf meine Erfahrungen mit anderen Nutzern dieses Blogs zu teilen und mich über Bildbeschreibungen auszutauschen.
Bevor ich gefragt wurde für den Englischen Blog zu schreiben, folgte ich „Bilder für die Blinden“ eine Weile, las über Fotoworkshops und andere Veranstaltungen und erzählte Freunden davon. Meine Hauptaufgabe ist es eure Fotos und Beschreibungen zu veröffentlichen, Texte über unsere Workshops zu schreiben und euch dabei zu helfen eure Erfahrungen und Beobachtungen mit Lesern zu teilen. Ich übersetze auch besonders gelungene Texte vom Deutschen ins Englische oder anders herum.
Unser Hauptziel ist es, eine internationale Gemeinschaft aus blinden und sehenden Fotografieinteressierten und kreativen Schreibenden zu schaffen indem wir versuchen Kommunikationsbarrieren wie Sehen oder Nichtsehen und Sprachunterscheide zu verringern,
Ich freu mich für ‚Bilder für die Blinden“ beziehungsweise „Photo Narrations for the Blind and Sighted“ zu schreiben und bin gespannt auf eure Fotos und Texte!
hr könnt uns auch auf Facebook, Twitter oder Google+ folgen.
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Große Schau! Live-Präsentation blinder Fotografinnen in Berlin
Am 28. April findet im Kinosaal der Villa Oppenheim in Berlin eine Live-Präsentation von Bildern aus dem Fotosemminar für Blinde statt!
Die Fotografinnen Katrin Dinges, Silja Korn und Susanne Emmermann stellen ihre Bilder vor.
Einige Bilder werden dort zum ersten Mal gezeigt! Die Bilder werden auch akustisch dargestellt, die Bildbeschreibungen werden auch in Gebärdensprache übersetzt werden.
Ihr bekommt bei dieser Veranstaltung einen Eindruck davon, wie das überhaupt funktioniert, wenn Blinde fotografieren. Welche Bedeutung die Fotografie für sie hat, und was Sehende davon = von ihnen lernen können.
28.4. 18 Uhr http://www.villa-oppenheim-berlin.de
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Silja und Sandra im Schloß Charlottenburg
STATUS: SCHON BESCHRIEBEN
Noch ein Bild aus unserem Fotoseminar für Blinde im Schloß Charlottenburg. Von Silja:
Beschrieben von Katrin Heidorn
Ein Doppel- bis fünffach-Portrait im Spiegel. Nicht sehr viel Licht. Ein Querformat mit zwei Hauptpersonen in der Mitte des Bildes. Die Fotografin hält die Kamera mit beiden Händen auf einen Spiegel. Sie hat nackenlange, rötliche Haare mit Pony in der Stirn und trägt eine schwarze ovale Sonnenbrille. Sie hält die kleine Kamera vor sich, so dass wir ihren Mund nicht sehen. Ganz dicht neben ihr über ihre Schulter links im Bild schaut eine zweite Frau mit kurzen Haaren und dunklem Pony aufmerksam auf das Display der Kamera. Sie trägt eine Art Trainigsjacke mit blauem und weissem Streifen quer an der Schulter. Die Fotografin trägt einen Schwarzen Pullover mit grauem Muster. Im Vordergrund läuft ein undeutlicher heller Strich quer über den Spiegel. Die Fotografin hat die Waage nicht ganz erwischt und er läuft etwa um zehn Grad nach links gekippt.
Das gilt auch für die Gemälde, die wir hinter den beiden Frauen an einer Wand hängen sehen. Die Wand ist mit rot-gold gemustertem Stoff bezogen und die Gemälde haben leuchtend goldene Rahmen. Es sind drei Hochformate. Portraits wichtiger Personen aus dem achtzehnten Jahrhundert, schätze ich. Das Bild in der Mitte ist etwas größer und zeigt einen stehenden Mann mit einem roten Mantel über dem ausgstreckten Arm. Er trägt Pluderhosen, ein enges Gewand und eine goldene Schärpe. Auf dem Gemälde links ein Mann, sitzend mit einem überbreiten Kragen aus weissem Pelz. Auf der rechten Seite das Gemälde einer Frau. Sitzend mit großem Dekolleté und rotem Mantel über dem grauen Kleid. Unter den Gemälden eine Wand mit halbhoher Holztäfelung. Davor zwei Stühle mit hoher Lehne, reich verziert. Links hinter den Frauen betrachten zwei Besucher mit Kopfhörern die Gemälde. Wir sehen die Hinterköpfe und die schwarze Jacke des Mannes links. Die Frau hat blonde, zusammengebundene Haare. Ganz rechts im Bild sehen wir noch den senkrechten Rand des Spiegels. Weil er am Rand eine geschiffene Facette hat, verzerrt er das Bild einer Besucherin, die nicht ganz im Bild ist. Wir sehen ihre gefalteten Hände und ein Stück leuchtend grüne Bluse mit grauer Jacke darüber. Ihr Gesicht ist zu sehen wie der abnehmende Mond am dritten Tag vor Neumond. Dann kommt noch ein Streifen Stofftapete und dann der schwarze Spiegelrahmen. Unten an der Ecke ist er leicht verschnörkelt geschnitzt. Wie übrigens auch der Rahmen des Frauenportraits. Die der Herren sind schlicht gold.
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Wasserträgerin von Silja
STATUS: SCHON BESCHRIEBEN
Hier nochmal ein Foto von Silja aus der Villa Oppenheim:
Beschrieben von Katrin Heidorn
Wir sehen einen weissen Raum im Hochformat. Mitten im Bild die dunkelbraune Bronzestatue einer nackten Frau auf einem Sockel, ebenfalls aus Bronze. Wir sehen sie von vorn mit ganz leichter Drehung auf ihre linke Seite. Sie hält die Arme ausgebreitet, denn auf ihrem Rücken balanciert sie eine dünne, leicht gebogene Stange, an der an jedem Ende ein Wassereimer hängt. Die Eimer sehen altertümlich aus. Der Boden ist größer als die Öffnung. Sie haben zierliche gebogene Henkel. Die Frau steht leicht gebückt in den Knien, auf einer Art ovalem Stein. Beide Füße nah beieinander und auch die Knie sind geschlossen. Sie beugt sich nach vorn, weil sie einen der beiden Eimer seitlich an diesem Stein vorbei in unsichtbares Wasser taucht. Ihre rechte Hand hält dabei das schlaffe Seil des Eimers in der Mitte der Länge. Die linke Hand hält locker das andere Ende der Stange. Ihr Gesicht ist auf den Eimer gerichtet. Von hinten hängt ihr ein geflochtener Zopf im Bogen über die linke Schulter. Wir sehen ihre kleine rechte Brust spitz als Umriss vor dem weissen Hintergrund. Das Licht fällt von oben auf die glänzende Bronzeoberfläche, die entweder poliert oder lackiert sein muss. So sieht es aus, als wäre die Haut der Wasserträgerin nass und glänzend. Ihre Haltung hat eine graziöse Leichtigkeit. Unter dem Bronzesockel, auf dem sie steht und der zur Statue gehört, sehen wir am unteren Bildrand einen weissen quadratischen Sockel, auf dem die Statue im Raum steht. Rechts am Rand der schmal angeschnittene Arm eines Besuchers mit rot-weiss kariertem Hemd. So können wir die Höhe der Figur auf ungefähr einen Meter schätzen. Sie steht in Hüfthöhe des Besuchers. Rechts neben der geschwungenen Hüfte der Frau hängt hinten an der weissen Wand ein Foto von eben dieser Statue. Sie ist vor schwarzem Grund fotografiert. Das Foto hat ein graues Passepartout und einen schmalen schwarzen Rahmen. Die ganze Figur ist dort etwa so groß wie der Kopf der anderen. Wir sehen also die gleiche Figur zwei mal, und zwar im gleichen Blickwinkel, wie eine Wiederholung. Das irritiert und macht neugierig zugleich. Es gibt Siljas Foto etwas Verblüffendes.
Eingeordnet unter schon beschrieben
Selbstportrait im Spiegel von Katrin
An diesem eher düsteren und kalten Novembertag besuchten wir mit dem
Fotoseminar das Schloss Charlottenburg. Meine beiden Beschreiber
schafften es auf eine ganz wunderbare Art und Weise, mich für die
ausgestellten Dinge im Erdgeschoss zu faszinieren. Immer wieder trafen
wir auf Spiegel mit verschnörkeltem Rahmen. So etwas finde ich einfach
schön, deshalb machte ich einige Fotos davon. Dass ich bei einem davon
mich selbst im Spiegelbild eingefangen habe, wurde mir erst später
klar, als ich mit einer Assistentin ein Bild für den Blog auswählen
wollte. Sie war wirklich begeistert davon und so dachte ich, es wäre
spannend, eine genauere Beschreibung davon zu bekommen. Ganz vage habe
ich von früher noch eine Erinnerung davon, mich im Spiegel gesehen zu
haben und so frage ich mich, ob diese Beschreibung meine Erinnerung
vielleicht auffrischen könnte. Außerdem haben Spiegel ja in unserer
Gesellschaft eine durchaus wichtige Funktion: Ob nun im Märchen von
Schneewittchen, wo die eitle Königin von ihrem Spiegel hören will, sie
sei die Schönste im ganzen Land, der Spiegel aber behauptet, ihre
Stieftochter wäre die Schönste – eine zentrale Szene und der Anstoß
für die weitere Entwicklung des Märchens. Oder die Tatsache, dass
viele Menschen sich in einem Spiegel ansehen, um festzustellen, ob sie
gesellschaftlich akzeptabel aussehen – was immer das sein soll – oder
um sich zu schminken, d.h. ihr Gesicht zu verändern, zu verschönern
oder sich eine schützende Maske aufzumalen. Oder sei es im
übertragenen Sinne ein Spiegel des Verhaltens und ein Abgleich von
Selbst- und Fremdwahrnehmung, also ein Bild, das im übertragenen Sinne
den Spiegel der Gesellschaft darstellt. Wobei dann die Frage offen
bleibt, ob man selbst sich in der Gesellschaft oder die Gesellschaft
sich in einem selbst (wider-)spiegelt. Oder ob man vom Spiegel der
Projektionen spricht, also davon, dass man das, was man in anderen
sieht, in sich selbst trägt, ob nun im positiven oder negativen Sinn.
Oder man meint den Selbstreflexionsspiegel, der zwar teilweise extrem
grausam ist, aber auch sehr nützlich und hilfreich sein und den
Spiegel – oder besser die Spiegel, das Spiegelkabinett – der
Projektionen langsam ablösen kann, so dass man im Idealfall zu einem
harmonischeren Verhältnis zu sich selbst und anderen findet. Mein
Lieblingsbild in dieser Hinsicht ist der sich in einem spiegelglatten
See oder dem ruhigen Meer spiegelnde Sternenhimmel, der das Prinzip
„Wie oben, so unten“, also das ganzheitliche Weltbild schlechthin, am
treffendsten darstellt.
Ich finde es interessant, dass ein und derselbe Gegenstand so viele
und vielschichtige Interpretationen und Assoziationen ermöglicht. Mir
persönlich ist letztere Sicht am liebsten: Der Sternenhimmel, der sich
im Wasser spiegelt, so dass man nicht mehr so recht weiß, was oben und
was unten ist oder was die Wirklichkeit darstellt. Wenn man sowohl mit
seinem Äußeren als auch dem Inneren oder dem Selbst- und Fremdbild im
Reinen ist und sich in einer harmonischen Ganzheit bewegt, braucht man
auch das reale Spiegelbild nicht zu fürchten. Obwohl man ja oft gar
nicht weiß, was für ein Bild im gesellschaftlichen Spiegel ankommt.
Denn hier habe ich ja auch erst im Nachhinein bemerkt, dass ich mich
im Spiegel spiegele und mich dabei fotografiert habe, wie ich mich
spiegele und mich selbst fotografiere. Es ist also im Prinzip eine
andere Form des sich selbst umschließenden Ineinanderfließens
verschiedener Elemente. Ursprünglich wollte ich nur den Spiegel
fotografieren und habe an die Spiegelung gar keinen Gedanken
verschwendet. Das ist auch oft im realen Leben so: Man tut oder sagt
etwas und merkt gar nicht, wie es auf andere wirkt oder denkt auch
nicht darüber nach. Wenn man dies stets täte und verkrampft darüber
nachdächte, wie das, was man gerade tut, aufgenommen wird, könnte man
gar nichts mehr tun oder sagen. Unterschwellig ist dieser Gedanke aber
natürlich trotzdem da und man denkt oder tut etwas in dieser oder
jener Weise, weil man erwartet, dass es auf eine bestimmte Art und
Weise wahrgenommen wird. Ich denke, egal in welcher Form man sich
spiegelt oder sich etwas in einem selbst spiegelt – man sollte mit dem
Bild rechnen und es akzeptieren. Einerseits hat man sowieso keine
andere Wahl, andererseits aber auch die Möglichkeit, sich darüber
hinwegzusetzen. Ich als blinde Fotografin erfülle durch meine
Fotografie ganz bestimmt keine gesellschaftlichen Erwartungen, eher
das Gegenteil. Aber so, wie der Spiegel immer beide Seiten zeigt, das
sich in ihm Spiegelnde und das, was der sich Spiegelnde wahrnimmt, so
gibt es auch für die Fotografie den Austausch zwischen zwei Seiten
oder zwei verschiedenen Wahrnehmungsebenen: Durch meine Fotografie
kann ich einerseits durch die Nachfragen von sehenden Menschen dazu,
was mir das überhaupt bringt, erklären, wie meine Welt der Wahrnehmung
aussieht. Oder ich fotografiere etwas, das ich direkt wahrnehmen, z.B.
ertasten kann. Auf der anderen Seite erfahre ich durch die
Beschreibungen etliches über das Sehen und gewinne dadurch erneut
Zugang zu einem Teil meiner bisher verschütteten Erinnerungen an das,
was ich früher visuell wahrgenommen habe. Anfangs war das zwar sehr
schmerzlich, weil für mich klar ist, dass diese Zeit vorbei ist und
diese Möglichkeiten nicht mehr existieren. Aber inzwischen betrachte
ich es als Bereicherung, als Chance der gegenseitigen Befruchtung und
als mögliche Verschleierung von der angeblich so scharfen Grenze
zwischen sehend und nicht sehend. Denn oft ist es mir schon passiert,
dass sehende Beschreiber/innen durch meine Nachfragen auf den Fotos
etwas bemerkt haben, was ihnen sonst entgangen wäre, weil sie es nur
unbewusst oder gar nicht wahrnehmen. Und ich selbst bekomme
Informationen über meine Umgebung, die ich sonst nicht erfassen
könnte. So könnte man die Frage „Spiegelt sich die Gesellschaft in mir
oder spiegele ich mich in der Gesellschaft?“ umformen zu: „Was sehe
ich, wenn ich nicht sehe und was sehe ich nicht, wenn ich sehe?“ Bzw.:
„Wie kann man durch den Perspektivwechsel etwas erfahren, das sonst
nicht möglich wäre?“ Und: „Ist die Grenze zwischen Sehen und Nicht
sehen können wirklich so scharf, wie man allgemein annimmt? Wo liegt
diese Grenze überhaupt genau? Können wir das wirklich sagen? Ist das
wichtig?“ So kann man sozusagen auf beiden Seiten eine Hand durch den
Schleier stecken und sich gegenseitig mit neuen Eindrücken bereichern.
Was steckt hinter dem Schleier, dem Spiegel der anderen Seite?
Bildbeschreibung von Rainer Komers:
Die Fotografin (Jeans, hellblaues Hemd, darüber geöffnete Sommerjacke in Pink, um den Hals eine Schmuckkette und an einem Band das graue Etui für den Fotoapparat, unter den rechten Arm einen Stock geklemmt, einen Schirm vielleicht) über ihre linke Schulter gebeugt ein weibliches Gesicht, dunkles Brillengestell, das brünette Haar schräg über die Stirn gelegt, mit Blick nach unten, ihre Lippen geschlossen, als hätte sie gerade etwas gesagt oder erklärt über das allseits ausgestellte Porzellan (Tassen, Schalen, Becher, Kannen mit überwiegend pflanzlichen Motiven, überwiegend in Preußischblau bemalt, rechts und links und unterhalb eines Spiegels auf gedrechselten Podestchen platziert, aber auch hinter der Fotografin in einem Spiegelsaal, überladen mit goldenem Stuck und weiteren in Goldrahmen gefassten Spiegeln, zwischen und unterhalb von Kapitellen gehängt und gestellt und im Spiegel sichtbar).
Doch nun zu dem Spiegelmöbel, vor dem die Fotografin mit ihrer Begleiterin haltgemacht und das Bild gemacht hat, den Augenblick eines Besuchs (man sieht noch andere BesucherInnen gespiegelt rechts und links von ihr, ein junger Mann fotografiert ebenfalls, bedeckt sein Gesicht gerade mit der Kamera) festgehalten hat und sich spiegelt. Nicht nur das Bild der Fotografin zeigt einen Ausschnitt, auch der Spiegel im Bild und der im Spiegel gespiegelte Spiegel rechts hinter ihr (oder ist es die Tür zu einem weiteren Spiegelsaal, vollgestopft mit weiteren Porzellan, einer hölzernen Standuhr?) zeigen jeweils Ausschnitte. Also endlich zum Spiegelschränkchen selbst, dem direkten Objekt der Fotografin. Auch von ihm sehen wir nur einen Ausschnitt, denn das obere Ende von Schrank und Spiegel ist abgeschnitten, in dem sich ein Deckengemälde spiegelt, ein antiker Portikus unter Sommerwolken, im Vordergrund eine halbnackte weibliche Figur, deren Vorderteil ein rötliches Tuch bedeckt, das dann weiter über ihre rechte Elle fällt. Unterhalb des Schrankspiegels zeigt ein Gemälde, eingefasst von einem schmalen Goldrahmen, den Blick auf eine bukolische, chinesisch oder japanisch anmutende Hügellandschaft, beherrscht von einer überlebensgroßen in eine Art Kimono gekleideten Frau und einem ebenfalls überlebensgroßen, fasanenartigen, dunklen Vogel. Das schmale, aus verschiedenfarbigen Hölzern zusammengeleimte Schränkchen zur Zurschaustellung von wertvollem Porzellan und zur Spiegelung der offenbar steinreichen Besitzer des historischen Ambientes und Mobiliars (18. Jahrhundert?) ist abgestellt vor einem bis auf den Boden reichenden und von einer transparenten Gaze abgedeckten Sprossenfenster. Ein Absperrseil soll Besucher daran hindern, weiter als bis zu diesem Spiegelschrank zu gehen, und ein moderner Heizkörper am linken unteren Bildrand ist ein weiteres Indiz für Modernes.
Der eigene Blick in den Spiegel ist immer subjektiv und immer spiegelverkehrt: Wie wirke ich auf mich, auf die Anderen in dieser verkehrten Welt? Die Fotografin auf unserem Bild blickt nach links unten, nicht direkt in den Spiegel. Einerseits scheint sie den Worten oder Erklärungen der über sie gebeugten Person zu lauschen, andererseits konzentriert sie sich auf das Auslösen des Fotoapparats, den sie perfekt zum Objekt und nur leicht in der Vertikale gewinkelt in den Fingerspitzen hält. Die intime Nähe der beiden Köpfe, des sprechenden und des zuhörenden, nachdenkenden und sich konzentrierenden, dominieren die Figurenkomposition und erinnern entfernt an klerikale Darstellungen in katholischen Kirchen. Offenbar verlangt die Übertragung des Gehörten von der Zuhörerin eine gewisse Anstrengung, ihr Gesicht und ihre Körperhaltung wirken angespannt, im Gegensatz zur von hinten über sie gebeugten Person, die eine gelassene Ruhe ausstrahlt, als wolle sie sagen: Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Diese Person blickt, anders als die Fotografin, geradeaus nach unten auf die unterhalb des Spiegels goldgefasste Landschaft, als wolle sie die Geschichte, die das Bild erzählt, nacherzählen und Auskunft geben über Geschichte, Machart und Qualität des Bildes selbst.
Und dann gibt es noch den, der dieses durch die Netzübertragung verpixelte, und dadurch in den Details kaum erkennbare Bild beschreibt, es erst nach einer zweiten Aufforderung beschreibt, weil ihm zwar die Fotografin als Schreiberin und Diskutantin über ihre und seine Texte vertraut ist (obwohl beide sich physisch noch nie begegnet sind), andererseits ihn das vor der Kamera befindliche historische Möbel und das in seinem Spiegel abgebildete ‚orientalisch’ überfrachtete Inventar auf den ersten Blick abgeschreckt haben – ja, ‚auf den ersten Blick’, den meist flüchtigen, angesichts der Überfülle des täglich visuell zu verarbeitenden Materials auch abwehrenden Blick: „Nicht schon wieder, wie soll ich das schaffen, mich auch noch auf dieses Bild zu konzentrieren, habe ich denn nicht schon alle und alles gesehen?“ Und er fragt sich weiter, wie hat sich die Fotografin im Moment des Auslösens der Kamera gefühlt? Statt verbalen Erklärungen zu lauschen und sich daraus ein Bild zu machen, hätte sie nicht viel mehr über die hier beschriebenen Gegenstände erfahren, wenn sie die hätte berühren, ertasten können, aber das nicht hat machen können, weil das Besuchern eines Museums mit seinen wertvollen, unersetzlichen Exponaten grundsätzlich verwehrt ist? Ein Bild hat die Chance, dem Raster des Vergessens zu entkommen und nicht hindurchzufallen, wenn es eine Gestalt hat. Die Gestalt des hier beschrieben Bildes, unabhängig von meiner Beziehung zur Fotografin, beruht auf der offenbaren Unvereinbarkeit der in ihm abgebildeten Gegensätze: des feudal durch Ausbeutung zusammengerafften, der Neugier der Nachgeborenen zur Schau gestellten prunkvollen Besitzes und der demokratisch anmutenden, dank moderner Färbungstechniken ‚bunten’ Protagonistin im Zentrum des Bildes. Wie die Kommunikation zwischen diesen Gegensätzen verläuft, verlaufen könnte, wird im Foto nur angedeutet. Ihre Geschichte zu weiter zu erzählen, sie auszumalen, auszuschmücken, das wäre eine Bildbeschreibung jenseits von Dokumentarpixeln – und an diesem Punkt überlasse ich Dir das Feld, Katrin, Schreiberin und Fotografin, um unser Wort- und Spiegelbild fortzuschreiben, weiter zu malen, weiter zu spinnen.
Eingeordnet unter schon beschrieben



