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Ausstellung des Fotoseminars für Blinde

An der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASH) in Berlin-Hellersdorf, Alice-Salomon-Platz 5, gibt es gerade eine kleine Ausstellung mit Bildern, die in unserem Fotoseminar für Blinde entstanden sind. Zu den Bildern gibt es natürlich auch Bildbeschreibungen, die in Punkt- und Schwarzschrift ausgedruckt und beim Pförtner auszuleihen sind.

Hier die Mitteilung der Pressestelle der ASH:

Barrierefrei fotografieren
Bilder von Blinden in einer Ausstellung an der Alice Salomon Hochschule Berlin

Berlin, den 27.02.2015. Die Ergebnisse des Projekts „Fotografieren mit Blinden“ werden noch bis 15. März 2015 vor dem Audimax der Alice Salomon Hochschule Berlin präsentiert. Blinde Fotograf/-innen machten sich gemeinsam mit Studierenden auf die Suche nach Motiven, die alle Sinne ansprechen.

Das Wahlmodul „Fotografieren mit Blinden“ wurde im Sommersemester 2014 angeboten und war als interdisziplinäres Seminar angelegt, in dem blinde Menschen fotografieren (lernen) konnten. Dabei wurden sie von Studierenden der Alice Salomon Hochschule Berlin begleitet und mit Bildbeschreibungen unterstützt.

Die Studierenden wurden im Vorfeld mit speziellen Übungen an ihre (Übersetzungs- und Führungs-)Aufgabe herangeführt. Gemeinsam erarbeiteten sich die Teams aus jeweils einem Studierenden und einer oder einem blinden Fotograf/-in eine Sprache, die alle Sinneseindrücke einbezog und einen Dialog über Bilder ermöglichte. In der ersten Phase wurden Objekte fotografiert, die die Blinden berühren konnten. Der taktile Bezugspunkt erleichterte die Kommunikation über das Bild. Mit der Zeit wurde dieser immer unwichtiger. Die Teams begaben sich auf die Straßen, lernten gemeinsam neue Plätze in Berlin kennen und setzten die Ideen und Vorstellungen der blinden Fotograf/-innen um.

Das Projekt ermöglichte für beide Seiten einen interessanten Austausch: Auch Blinde leben in einer Welt voller Bilder. Beim Fotografieren konnten sie ein eigenes Bild von der Umgebung machen, dieses immer wieder korrigieren und damit experimentieren. Die sprachliche Übersetzung der Studierenden ermöglichte Ihnen, Bilder als visuelle Vorstellung abzuspeichern, die die taktischen Erinnerungen ergänzen.
Die Studierenden lernten durch die sprachliche, beschreibende Auseinandersetzung mit der Umwelt, wie wenig selbstverständlich, bzw. eindeutig das ist, was man sieht. „Mit Blinden über Bilder zu sprechen, schärft den Blick enorm.“, so Karsten Hein, Dozent der ASH Berlin, Fotograf und Leiter des Projekts.

Die Ausstellung kann während der Semesterferien Mo-Fr, 7-20h vor dem Audimax der ASH Berlin besichtigt werden. Weitere Informationen und Bilder finden Sie unter
https://bildbeschreibungen.wordpress.com/2014/05/05/unser-erstes-fotoseminar-fur-blinde/

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Selbstportrait im Spiegel von Katrin

An diesem eher düsteren und kalten Novembertag besuchten wir mit dem
Fotoseminar das Schloss Charlottenburg. Meine beiden Beschreiber
schafften es auf eine ganz wunderbare Art und Weise, mich für die
ausgestellten Dinge im Erdgeschoss zu faszinieren. Immer wieder trafen
wir auf Spiegel mit verschnörkeltem Rahmen. So etwas finde ich einfach
schön, deshalb machte ich einige Fotos davon. Dass ich bei einem davon
mich selbst im Spiegelbild eingefangen habe, wurde mir erst später
klar, als ich mit einer Assistentin ein Bild für den Blog auswählen
wollte. Sie war wirklich begeistert davon und so dachte ich, es wäre
spannend, eine genauere Beschreibung davon zu bekommen. Ganz vage habe
ich von früher noch eine Erinnerung davon, mich im Spiegel gesehen zu
haben und so frage ich mich, ob diese Beschreibung meine Erinnerung
vielleicht auffrischen könnte. Außerdem haben Spiegel ja in unserer
Gesellschaft eine durchaus wichtige Funktion: Ob nun im Märchen von
Schneewittchen, wo die eitle Königin von ihrem Spiegel hören will, sie
sei die Schönste im ganzen Land, der Spiegel aber behauptet, ihre
Stieftochter wäre die Schönste – eine zentrale Szene und der Anstoß
für die weitere Entwicklung des Märchens. Oder die Tatsache, dass
viele Menschen sich in einem Spiegel ansehen, um festzustellen, ob sie
gesellschaftlich akzeptabel aussehen – was immer das sein soll – oder
um sich zu schminken, d.h. ihr Gesicht zu verändern, zu verschönern
oder sich eine schützende Maske aufzumalen. Oder sei es im
übertragenen Sinne ein Spiegel des Verhaltens und ein Abgleich von
Selbst- und Fremdwahrnehmung, also ein Bild, das im übertragenen Sinne
den Spiegel der Gesellschaft darstellt. Wobei dann die Frage offen
bleibt, ob man selbst sich in der Gesellschaft oder die Gesellschaft
sich in einem selbst (wider-)spiegelt. Oder ob man vom Spiegel der
Projektionen spricht, also davon, dass man das, was man in anderen
sieht, in sich selbst trägt, ob nun im positiven oder negativen Sinn.
Oder man meint den Selbstreflexionsspiegel, der zwar teilweise extrem
grausam ist, aber auch sehr nützlich und hilfreich sein und den
Spiegel – oder besser die Spiegel, das Spiegelkabinett – der
Projektionen langsam ablösen kann, so dass man im Idealfall zu einem
harmonischeren Verhältnis zu sich selbst und anderen findet. Mein
Lieblingsbild in dieser Hinsicht ist der sich in einem spiegelglatten
See oder dem ruhigen Meer spiegelnde Sternenhimmel, der das Prinzip
„Wie oben, so unten“, also das ganzheitliche Weltbild schlechthin, am
treffendsten darstellt.

Ich finde es interessant, dass ein und derselbe Gegenstand so viele
und vielschichtige Interpretationen und Assoziationen ermöglicht. Mir
persönlich ist letztere Sicht am liebsten: Der Sternenhimmel, der sich
im Wasser spiegelt, so dass man nicht mehr so recht weiß, was oben und
was unten ist oder was die Wirklichkeit darstellt. Wenn man sowohl mit
seinem Äußeren als auch dem Inneren oder dem Selbst- und Fremdbild im
Reinen ist und sich in einer harmonischen Ganzheit bewegt, braucht man
auch das reale Spiegelbild nicht zu fürchten. Obwohl man ja oft gar
nicht weiß, was für ein Bild im gesellschaftlichen Spiegel ankommt.
Denn hier habe ich ja auch erst im Nachhinein bemerkt, dass ich mich
im Spiegel spiegele und mich dabei fotografiert habe, wie ich mich
spiegele und mich selbst fotografiere. Es ist also im Prinzip eine
andere Form des sich selbst umschließenden Ineinanderfließens
verschiedener Elemente. Ursprünglich wollte ich nur den Spiegel
fotografieren und habe an die Spiegelung gar keinen Gedanken
verschwendet. Das ist auch oft im realen Leben so: Man tut oder sagt
etwas und merkt gar nicht, wie es auf andere wirkt oder denkt auch
nicht darüber nach. Wenn man dies stets täte und verkrampft darüber
nachdächte, wie das, was man gerade tut, aufgenommen wird, könnte man
gar nichts mehr tun oder sagen. Unterschwellig ist dieser Gedanke aber
natürlich trotzdem da und man denkt oder tut etwas in dieser oder
jener Weise, weil man erwartet, dass es auf eine bestimmte Art und
Weise wahrgenommen wird. Ich denke, egal in welcher Form man sich
spiegelt oder sich etwas in einem selbst spiegelt – man sollte mit dem
Bild rechnen und es akzeptieren. Einerseits hat man sowieso keine
andere Wahl, andererseits aber auch die Möglichkeit, sich darüber
hinwegzusetzen. Ich als blinde Fotografin erfülle durch meine
Fotografie ganz bestimmt keine gesellschaftlichen Erwartungen, eher
das Gegenteil. Aber so, wie der Spiegel immer beide Seiten zeigt, das
sich in ihm Spiegelnde und das, was der sich Spiegelnde wahrnimmt, so
gibt es auch für die Fotografie den Austausch zwischen zwei Seiten
oder zwei verschiedenen Wahrnehmungsebenen: Durch meine Fotografie
kann ich einerseits durch die Nachfragen von sehenden Menschen dazu,
was mir das überhaupt bringt, erklären, wie meine Welt der Wahrnehmung
aussieht. Oder ich fotografiere etwas, das ich direkt wahrnehmen, z.B.
ertasten kann. Auf der anderen Seite erfahre ich durch die
Beschreibungen etliches über das Sehen und gewinne dadurch erneut
Zugang zu einem Teil meiner bisher verschütteten Erinnerungen an das,
was ich früher visuell wahrgenommen habe. Anfangs war das zwar sehr
schmerzlich, weil für mich klar ist, dass diese Zeit vorbei ist und
diese Möglichkeiten nicht mehr existieren. Aber inzwischen betrachte
ich es als Bereicherung, als Chance der gegenseitigen Befruchtung und
als mögliche Verschleierung von der angeblich so scharfen Grenze
zwischen sehend und nicht sehend. Denn oft ist es mir schon passiert,
dass sehende Beschreiber/innen durch meine Nachfragen auf den Fotos
etwas bemerkt haben, was ihnen sonst entgangen wäre, weil sie es nur
unbewusst oder gar nicht wahrnehmen. Und ich selbst bekomme
Informationen über meine Umgebung, die ich sonst nicht erfassen
könnte. So könnte man die Frage „Spiegelt sich die Gesellschaft in mir
oder spiegele ich mich in der Gesellschaft?“ umformen zu: „Was sehe
ich, wenn ich nicht sehe und was sehe ich nicht, wenn ich sehe?“ Bzw.:
„Wie kann man durch den Perspektivwechsel etwas erfahren, das sonst
nicht möglich wäre?“ Und: „Ist die Grenze zwischen Sehen und Nicht
sehen können wirklich so scharf, wie man allgemein annimmt? Wo liegt
diese Grenze überhaupt genau? Können wir das wirklich sagen? Ist das
wichtig?“ So kann man sozusagen auf beiden Seiten eine Hand durch den
Schleier stecken und sich gegenseitig mit neuen Eindrücken bereichern.
Was steckt hinter dem Schleier, dem Spiegel der anderen Seite?

Ein mann und eine Frau fotografieren in einen alten Spiegel

Bildbeschreibung von Rainer Komers:

Die Fotografin (Jeans, hellblaues Hemd, darüber geöffnete Sommerjacke in Pink, um den Hals eine Schmuckkette und an einem Band das graue Etui für den Fotoapparat, unter den rechten Arm einen Stock geklemmt, einen Schirm vielleicht) über ihre linke Schulter gebeugt ein weibliches Gesicht, dunkles Brillengestell, das brünette Haar schräg über die Stirn gelegt, mit Blick nach unten, ihre Lippen geschlossen, als hätte sie gerade etwas gesagt oder erklärt über das allseits ausgestellte Porzellan (Tassen, Schalen, Becher, Kannen mit überwiegend pflanzlichen Motiven, überwiegend in Preußischblau bemalt, rechts und links und unterhalb eines Spiegels auf gedrechselten Podestchen platziert, aber auch hinter der Fotografin in einem Spiegelsaal, überladen mit goldenem Stuck und weiteren in Goldrahmen gefassten Spiegeln, zwischen und unterhalb von Kapitellen gehängt und gestellt und im Spiegel sichtbar).
Doch nun zu dem Spiegelmöbel, vor dem die Fotografin mit ihrer Begleiterin haltgemacht und das Bild gemacht hat, den Augenblick eines Besuchs (man sieht noch andere BesucherInnen gespiegelt rechts und links von ihr, ein junger Mann fotografiert ebenfalls, bedeckt sein Gesicht gerade mit der Kamera) festgehalten hat und sich spiegelt. Nicht nur das Bild der Fotografin zeigt einen Ausschnitt, auch der Spiegel im Bild und der im Spiegel gespiegelte Spiegel rechts hinter ihr (oder ist es die Tür zu einem weiteren Spiegelsaal, vollgestopft mit weiteren Porzellan, einer hölzernen Standuhr?) zeigen jeweils Ausschnitte. Also endlich zum Spiegelschränkchen selbst, dem direkten Objekt der Fotografin. Auch von ihm sehen wir nur einen Ausschnitt, denn das obere Ende von Schrank und Spiegel ist abgeschnitten, in dem sich ein Deckengemälde spiegelt, ein antiker Portikus unter Sommerwolken, im Vordergrund eine halbnackte weibliche Figur, deren Vorderteil ein rötliches Tuch bedeckt, das dann weiter über ihre rechte Elle fällt. Unterhalb des Schrankspiegels zeigt ein Gemälde, eingefasst von einem schmalen Goldrahmen, den Blick auf eine bukolische, chinesisch oder japanisch anmutende Hügellandschaft, beherrscht von einer überlebensgroßen in eine Art Kimono gekleideten Frau und einem ebenfalls überlebensgroßen, fasanenartigen, dunklen Vogel. Das schmale, aus verschiedenfarbigen Hölzern zusammengeleimte Schränkchen zur Zurschaustellung von wertvollem Porzellan und zur Spiegelung der offenbar steinreichen Besitzer des historischen Ambientes und Mobiliars (18. Jahrhundert?) ist abgestellt vor einem bis auf den Boden reichenden und von einer transparenten Gaze abgedeckten Sprossenfenster. Ein Absperrseil soll Besucher daran hindern, weiter als bis zu diesem Spiegelschrank zu gehen, und ein moderner Heizkörper am linken unteren Bildrand ist ein weiteres Indiz für Modernes.

Der eigene Blick in den Spiegel ist immer subjektiv und immer spiegelverkehrt: Wie wirke ich auf mich, auf die Anderen in dieser verkehrten Welt? Die Fotografin auf unserem Bild blickt nach links unten, nicht direkt in den Spiegel. Einerseits scheint sie den Worten oder Erklärungen der über sie gebeugten Person zu lauschen, andererseits konzentriert sie sich auf das Auslösen des Fotoapparats, den sie perfekt zum Objekt und nur leicht in der Vertikale gewinkelt in den Fingerspitzen hält. Die intime Nähe der beiden Köpfe, des sprechenden und des zuhörenden, nachdenkenden und sich konzentrierenden, dominieren die Figurenkomposition und erinnern entfernt an klerikale Darstellungen in katholischen Kirchen. Offenbar verlangt die Übertragung des Gehörten von der Zuhörerin eine gewisse Anstrengung, ihr Gesicht und ihre Körperhaltung wirken angespannt, im Gegensatz zur von hinten über sie gebeugten Person, die eine gelassene Ruhe ausstrahlt, als wolle sie sagen: Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Diese Person blickt, anders als die Fotografin, geradeaus nach unten auf die unterhalb des Spiegels goldgefasste Landschaft, als wolle sie die Geschichte, die das Bild erzählt, nacherzählen und Auskunft geben über Geschichte, Machart und Qualität des Bildes selbst.

Und dann gibt es noch den, der dieses durch die Netzübertragung verpixelte, und dadurch in den Details kaum erkennbare Bild beschreibt, es erst nach einer zweiten Aufforderung beschreibt, weil ihm zwar die Fotografin als Schreiberin und Diskutantin über ihre und seine Texte vertraut ist (obwohl beide sich physisch noch nie begegnet sind), andererseits ihn das vor der Kamera befindliche historische Möbel und das in seinem Spiegel abgebildete ‚orientalisch’ überfrachtete Inventar auf den ersten Blick abgeschreckt haben – ja, ‚auf den ersten Blick’, den meist flüchtigen, angesichts der Überfülle des täglich visuell zu verarbeitenden Materials auch abwehrenden Blick: „Nicht schon wieder, wie soll ich das schaffen, mich auch noch auf dieses Bild zu konzentrieren, habe ich denn nicht schon alle und alles gesehen?“ Und er fragt sich weiter, wie hat sich die Fotografin im Moment des Auslösens der Kamera gefühlt? Statt verbalen Erklärungen zu lauschen und sich daraus ein Bild zu machen, hätte sie nicht viel mehr über die hier beschriebenen Gegenstände erfahren, wenn sie die hätte berühren, ertasten können, aber das nicht hat machen können, weil das Besuchern eines Museums mit seinen wertvollen, unersetzlichen Exponaten grundsätzlich verwehrt ist? Ein Bild hat die Chance, dem Raster des Vergessens zu entkommen und nicht hindurchzufallen, wenn es eine Gestalt hat. Die Gestalt des hier beschrieben Bildes, unabhängig von meiner Beziehung zur Fotografin, beruht auf der offenbaren Unvereinbarkeit der in ihm abgebildeten Gegensätze: des feudal durch Ausbeutung zusammengerafften, der Neugier der Nachgeborenen zur Schau gestellten prunkvollen Besitzes und der demokratisch anmutenden, dank moderner Färbungstechniken ‚bunten’ Protagonistin im Zentrum des Bildes. Wie die Kommunikation zwischen diesen Gegensätzen verläuft, verlaufen könnte, wird im Foto nur angedeutet. Ihre Geschichte zu weiter zu erzählen, sie auszumalen, auszuschmücken, das wäre eine Bildbeschreibung jenseits von Dokumentarpixeln – und an diesem Punkt überlasse ich Dir das Feld, Katrin, Schreiberin und Fotografin, um unser Wort- und Spiegelbild fortzuschreiben, weiter zu malen, weiter zu spinnen.

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An einem der ersten schönen Maitage von Katrin Dinges

STATUS: NOCH ZU BESCHREIBEN

An einem der ersten schönen Maitage gingen wir mit dem
Fotoseminar am Spreeufer spazieren. Dort trafen wir auf eine
majestätische alte Trauerweide. Ich liebe alte Bäume und so habe ich
es genossen, diesen alten Riesen zu betasten. Wenn ich meine Hand auf
die Rinde eines solchen Stammes lege, empfinde ich immer etwas von der
urtümlichen Kraft, die in diesem Pflanzenwesen von der Erde in den
Himmel strömt. Das hat etwas Energisches, Kraft strotzendes an sich,
das jedes Mal, wenn ich so einen alten Baum treffe, auf mich
überzugehen scheint. Oft habe ich das Gefühl, solch einen Baum schon
ewig zu kennen.

Auf diesem Foto habe ich meine Hand beim Tasten abgelichtet. Das ist
etwas, was ich immer wieder tue, weil der Tastsinn mein erster und
wichtigster Zugang zu meiner Umgebung ist. Aber der Tastsinn erstreckt
sich nicht, wie viele glauben, einzig auf die Hände. Die Hände haben
zwar eine besonders stark ausgebildete Tastwahrnehmung, aber sie sind
bei weitem nicht die einzigen Stellen, über die wir Tasteindrücke
wahrnehmen. Die Assistentin, die mit mir das Foto ausgewählt hat,
sagte mir, man könnte darauf gut sehen, dass die Sonne an diesem Tag
geschienen hat. Gerade jetzt in den letzten Wochen habe ich wieder
einmal besonders intensiv die Kraft der wärmenden Strahlen in meinem
Gesicht gespürt. Dieses helle, strahlende, wunderschöne Licht, das den
ganzen Tag draußen zu sehen ist und alles zum Leuchten bringt, ist ein
unendlicher Quell der Freude für mich. Trotz meiner
Blendempfindlichkeit schaue ich ab und zu bewusst direkt in die Sonne,
um ihre wohltuende Kraft nach dem langen, dunklen Winter in mich
aufzunehmen. Ich kann es zwar nur wenige Sekunden am Stück aushalten,
aber diese Sekunden empfinde ich als großes Geschenk. Oder mit bloßen
Füßen tanzen! Auch eine unschätzbare Wohltat. Natürlich hatte ich an
diesem Tag Schuhe an. Aber ich bevorzuge solche mit eher dünnen
Sohlen, durch die man möglichst viel Kontakt zum Boden hat. Der
schlammige Uferweg fühlt sich ganz anders an als beispielsweise die
geteerte Straße dorthin. Oder Gras ist noch einmal ein ganz anderes
Gefühl unter den Sohlen. Oder der Wind, den ich in meinem Gesicht,
meinem Haar, im Rücken, an den Armen und Beinen spüre.

Wir sind durch eine kleine Oase, iein winziges Stück Natur in einer
großen Stadt, gelaufen. Diese alte Trauerweide hat es mir richtig
angetan und so sind an diesem Tag unzählige Aufnahmen von ihr
entstanden. Ich habe mich an ihren Stamm gelehnt und ihre aufstrebende
Kraft und tiefe Verwurzelung direkt an meiner Wirbelsäule
entlangstreichen spüren. Ich habe mit ihren langen Blättern gespielt
und wir haben das Licht in unzähligen Schattierungen auf ihren
Blättern eingefangen. Ich hoffe, dass ich noch ein Bild finden werde,
wo das besonders stark zur Geltung kommt, denn ich möchte diese
Farbnuancen gern einmal so genau wie möglich beschrieben bekommen.

Farben sind etwas, das ich nie wirklich wahrnehmen konnte, da ich von
Geburt an farbenblind bin. Aber natürlich habe ich auch Dinge gehört
wie: „Kirschen sind rot.“ Oder: „Die Wiese ist grün.“ Seit meiner
Farbberatung vor inzwischen vier oder fünf Jahren fasziniert mich das
Thema allerdings und ich lerne stetig mehr darüber. Natürlich habe ich
meine Schwierigkeiten, mir unter bestimmten Farbschattierungen etwas
vorzustellen oder zu verstehen, worin genau die Unterschiede liegen
könnten. Aber das ist ein ganz anderes Thema und auch ein weites Feld.
An diesem Maitag habe ich vor allem die haptischen Erfahrungen
genossen, wie hier in dem Foto ja auch ein klein wenig zu sehen ist.
1030 Hand auf trauerweide an der Spree

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New York – der Blick in die Tiefe

Liebe Bildbeschreiber,

ich war mit meiner Tochter in New York! Sie hat sehr viel fotografiert. Darf ich euch einige Bilder schicken? Es war eine tolle Reise!

Susanne

Blick von einem Wolkenkratzer in Manhattan auf die umliegenden Dächer

Und hier nun die Beschreibung von Angelina:

Das Foto ist in Farbe abgelichtet. Zusammengefasst kann ich über das Bild sagen, dass es aus der Perspektive von extrem hoch oben, vermutlich einem Hochhaus, eine Vielzahl von Hochhäusern, Straßen und Autos zeigt. Des Titels nach schlussfolgernd handelt es sich hierbei um einen Foto-Ausschnitt aus der Stadt New York.

Die Aufnahme wurde tagsüber gemacht, ich stelle mir beim Betrachten des Bildes vor, ich würde ganz nah an einer riesigen Fensterscheibe stehen oder auf einer Aussichtsplattform, von welcher ich hinunter und nach vorne schaue. Dabei kann ich erkennen, wie die Sonne ihr helles Licht auf die vielen Hochhäuser wirft und gleichzeitig auch Schatten bildet. Insgesamt überwiegt die Sonne. Der Schatten wird gebildet durch ein enorm großes Hochhaus, welches der Sonne im Weg zu stehen scheint. Der Schatten dieses Hochhaus zeichnet sich auf den Dächern der anderen Gebäude ab, und zwar im linken unteren Viertel des Bildes. Durch die Perspektive und den Ausschnitt des Fotos wirkt der Schatten wie ein dunkles gleichschenkeliges Dreieck, welches sich über die linke Ecke erstreckt.

Durch eine sehr große und breite Straße auf dem Bild lässt sich dieses optisch in Drittel aufteilen. Stell dir vor, du ziehst eine vertikale Linie und teilst damit die linke Seite des Bildes in zwei Drittel auf und die rechte Seite in ein Drittel. Auf der Linie befindet sich die Straße. Die Straße hat keineerlei Kurven und es lassen sich überwiegend orange-gelbe Taxis auf der Straße erkennen. New York ist bekannt dafür, dass die Taxis eine extrem auffällige Farbe haben.
Die Farbe der Taxis ähnelt meiner Meinung nach sehr der Farbe von Orangen-Früchten, nur, dass man noch ein paar Teile gelb hinzugefügt hat – einGelb wie von Sonnenblumenblüten.
Vereinzelt kann man auf der Straße auch weiße Autos erkennen, andere Autos fallen nur wenig oder gar nicht auf.
Ebenso sehe ich auf der Straße im unteren Bildbereich drei Zebrastreifen.
Als Anhaltspunkt für die Perspektive der Aufnahme hilft es dir vielleicht wenn ich dir die Größe der Autos auf der Straße beschreibe: Stell dir vor, du brichts von einem angespitzten Bleistift vorne die Mine ab – diese würde in etwa der Größe eines Autos entsprechen.

Gehen wir in der Beschreibung auf die linken zwei Drittel über: Dort sind verschiedene Hochhäuser zu erkennen. Sie alle haben Fassaden aus hellen und sehr sandigen oder erdigen Farb-Tönen. Der Blick ist überwiegend auf die Dächer der Häuser gerichtet. Darauf sind meistens Lüftungsverntilator-Systeme zu erkennen und runde Kreise. Ich vermute, dass es sich auch hier bei den Kreisen umd eine Art Lüftung oder „Schornstein“ handelt.
Würde ich in das Bild horizontale Linien zwischen den Häuserreihen ziehen, ergeben sich vier voll erkennbare Hochhäuser-Reihen. Die fünfte horizontale Hochhausreihe ist schon nicht mehr ganz im oberen Fotobereich zu erkennen.

Ein Hochhaus fällt ganz besonders auf. Es befindet sich in der dritten Häuserreihe von unten. Dabei grenzt es genau an meiner beschriebenen vertikal verlaufenden Straße. Es ist so extrem hoch, dass man auf dem Bild nicht mehr das Dach oder die Spitze erkennen kann. Die vielen Glasfenster in diesem Wolkenkratzer reflektieren das Sonnenlicht sehr stark, so dass das untere Drittel des zu sehenenden Wolkenkratzers ganz besonders hell erscheint.

Auch im rechten Drittel, rechts neben der vertikal verlaufenden großen Straße sind Hochhäuser zu sehen. Auf der Höhe des vorhin beschriebenen Wolkenkratzers ist das Dach des Hauses auffällig, denn ein Teil davon ist kaminrot. Der rote Teil sieht aus wie ein großes L, welches nicht mehr in der aufrechten Position ist, sondern nach rechts übergekippt.
Ein weiterer auffälliger Farbklecks ist noch in der zweiten Häuserreihe von unten zu sehen. Auf der Horizontalen, ganz links, das erste Haus, welches in der zweiten Reihe vollständig zu sehen ist: Da ist ein Teil des Daches im strahlenden Kirsch-Rot gehalten. Die Form dieses Teiles des Daches sieht für mich aus, als ob man ein großes H von oben und unten extrem zusammengedrückt hätte, so dass das H eher in die Breite als in die Höhe ginge.

Dadurch dass die Häuser alle überwiegend in Naturfarben bebaut und gestrichen sind, wirkt das ganze Bild sehr homogen. Vielleicht auch deshalb, weil sich viele imaginäre parallele und rechtwinkelige Linien bilden lassen. Fast schon hat es den Anschein einer Symmetrie.

Vielleicht hat ja noch die ein oder andere Person eine Ergänzung zu dem Bild oder noch ein paar Fragen, so dass man meine Bildbeschreibung vervollständigen kann.

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Über das Fotografieren, von Katrin Dinges

Bei mir selbst ist das Fotografieren seit meinem ersten Fotoprojekt
2012 eine Brücke zwischen Sehen und Nicht-sehen. Im Nachhinein wird
mir bewusst, dass die Dinge, die ich berühre, wie z.B. die Skulpturen
in der Villa Oppenheim oder im treptower Park die blüten der rosen,
auch irgendwie ein visuelles Bild in meinem Kopf erzeugen. Beim
Durchlesen der Beschreibungen kommen immer wieder Erinnerungen hoch
oder ich meine, mir von dem beschriebenen wirklich eine bildliche
Vorstellung machen zu können. Als Kind und Jugendliche hatte ich noch
einen Sehrest und konnte z.B. kontraste erkennen oder auch mit dem
betrachten von Fotos etwas anfangen. Deshalb war es zuerst eine
besonders schmerzliche Erkenntnis für mich, dass ich das, was ich
ablichte, weder vorher als Fotovorschau durch die Kameralinse, noch
nachher als Ergebnis sehen kann. Das hatte ich mir vor dem Projekt
nicht klar gemacht. Jetzt bin ich dankbar dafür, dass ich trotzdem
weitergemacht und mich mit diesem Schmerz auseinander gesetzt habe.
Dadurch habe ich Zugang zu einer Flut von visuellen erinnerungen
gefunden, die ich vergessen zu haben glaubte. So bin ich jetzt
beispielsweise in der Lage, mir von einem detailliert beschriebenen
Vogel, einem Boot oder Sonnenuntergang wirklich innerlich etwas
vorstellen und bewusst die mischung aus Freude und Schmerz aushalten
zu können. Zu meinem größten Erstaunen bemerkte ich in den letzten
monaten allmählich meinen geringen Sehrest wieder, der zwar wirklich
nur noch sehr gering ist, aber trotzdem vorhanden. Es beschränkt sich
auf eine Wahrnehmung von Hell und dunkel sowie – ich kann es nicht
anders ausdrücken – verschwommenen schlieren. Dies ist mir erst seit
einigen wenigen Jahren bewusst und seit einigen monaten fällt es mir
wieder verstärkt auf; so stark, dass es manchmal meine Konzentration
stört. Beispielsweise war es einmal beim Tango tanzen so stark, dass
ich aus dem Takt kam. Oder ich tanzte in einer anderen Situation beim
freien Improvisieren auf etwas helles zu und merkte schließlich, dass
es die weiße Wand war, obwohl ich eigentlich gedacht hatte, es müsse
ein brennender Scheinwerfer sein. Während ich durch die vielen
Diskussionen über visuelle Themen mehr über das Sehen lernte und mich
an vieles erinnerte sowie auf der anderen Seite Dinge vermitteln
konnte, wie ich sie wahrnehme, eine Verwischung der Grenze von Sehen
und Nichtsehen wahrzunehmen glaubte, habe ich selbst nicht mehr ganz
einzuordnen vermocht, wo in meiner eigenen Wahrnehmung die Grenze
zwischen meiner eigenen haptisch-euphaktorisch-auditiven und der
beschreibend-visuellen Fremdwahrnehmung verläuft.

Ich erlebe dies einerseits als Bereicherung, andererseits ist es
teilweise auch ein bisschen verwirrend. Ich empfinde es als lohnend,
diese Thematik weiter auszuloten.

Vor kurzem empfahl ich einer russischen freundin, die ebenfalls blind
ist, den Bildbeschreibungsblog. Ihre Eltern beschrieben ihr meine
Bilder – nur meine freundin kann Deutsch – und sagten ihr, wenn sie es
nicht gewusst hätten, hätten sie es nie gedacht, dass die Fotografin
blind ist. Eigentlich ist das ein großes Kompliment, aber da ich die
fotos mit hilfe von sehenden Menschen gemacht habe, fühle ich mich
damit nicht so ganz wohl. Da wird es sicher noch den einen oder
anderen Kommentar meinerseits brauchen, um das etwas zu relativieren.
Ich müsste mal die Fotos von meinem ersten projekt heraussuchen und
einzelnes einscannen, um es hier einstellen zu können; denn das sind
einerseits analoge und keine digitalen Fotos und andererseits habe ich
da noch mehr „zufällig“ und ohne sehende hilfe fotografiert. Auch das
ist eine interessante sache gewesen, aber ich glaube, heute würde ich
das nicht mehr so machen, weil es einerseits zu viele schlechte Fotos
erzeugt und ich mich andererseits auch an die sehende hilfe gewöhnt
habe, die es mir ermöglicht, präziser vorauszuwählen und leichter zu
vermitteln, was ich zeigen möchte. Trotzdem wähle ich natürlich aus,
was ich fotografieren möchte. Momentan habe ich ein Projekt ins Leben
gerufen, bei dem ich Hände in den unterschiedlichsten Kontexten
fotografiere. Einerseits weil ich denke, dass sie sonst nicht so sehr
Ziel von Fotografen/innen sind und andererseits, weil mir als blindem
Menschen von anderen Personen meist als allererstes die hände
entgegenkommen. Parallel dazu versuche ich, Dinge, die ich schön
finde, in diese hände zu legen, um sie im Bild festhalten zu können
und um diesen händen eine haptische wahrnehmung zu vermitteln, die
beide seiten als sehr sinnlich und bereichernd erleben. Beispielsweise
gibt es für mich kaum etwas schöneres, als einen kunstvoll geformten
Gegenstand, eine filigrane Blüte, das Kunstwerk der natur oder die
rissige Rinde eines dicken alten Baumstammes zu berühren. Oder eben
die hände von Menschen, die für mich mindestens so viel von einer
Persönlichkeit verraten, wie das gesicht, das ich wesentlich seltener
berühren darf. Ich frage nie selbst danach, da ich es als
Grenzüberschreitung empfinde; denn ein Gesicht ist etwas sehr
Persönliches, das man nicht einfach so berühren darf, wenn man eine
Person noch nicht besonders gut kennt. Jedenfalls empfinde ich so.
Wenn ich fragte, würde wohl kaum jemand direkt ablehnen, aber ich
finde, so etwas muss sich von selbst ergeben, wenn es nicht für beide
beteiligten unangenehm werden und sie in Verlegenheit bringen soll.
Wenn es jemand von selbst anbietet oder es sich in einer Freundschaft
oder einer sonstigen zusammenarbeit spontan ergibt, empfinde ich das
als unschätzbaren vertrauensbeweis. Beispielsweise ist es in meiner
neuen tanzgruppe ganz zwanglos in der Improvisation möglich, einander
zu berühren – auch die Gesichter. Hier ist es einfach etwas scheinbar
Selbstverständliches und ich habe schon von mehreren
Mittänzern/-tänzerinnen die Rückmeldung bekommen, dass sie das
ebenfalls als etwas besonderes, Schönes, Einmaliges empfinden. Jemand
sagte mir sogar, es habe früher schon Begegnungen mit blinden Menschen
gegeben und daher habe die Person gewusst, dass ich wohl eher selten
Gesichter berühre, habe mir aber die möglichkeit geben wollen, sie
über das gesicht kennenlernen zu können, weil das im Alltag das erste
sei, was man wahrnehme. für diese mittanzende person sei es aber auch
eine egoistische Handlung gewesen, weil sie sich selbst gern berühren
ließe. Einmal habe ich mich mit einem Freund über die Aussagen von
Händen unterhalten und er witzelte, ich sei also eine Handleserin.
Natürlich lese ich aus den händen keine zukunft – das zu behaupten
würde ich mir niemals anmaßen -, aber ich entnehme ihnen durch mein
intensiv geschultes Tastvermögen vermutlich mehr Informationen, als
das sehende Menschen tun würden. Was ich extrem schade finde, ist,
dass man euphaktorische Eindrücke weder adäquat beschreiben noch wie
einen visuellen eindruck im Foto festhalten und anderen zugänglich
machen kann. Dies ist aber auch von Seiten von sehenden Menschen oft
schwierig, also mir eine bestimmte visuelle Erfahrung zugänglich zu
machen, die ich nie selbst erlebt habe und die so abstrakt ist, dass
ich dazu keinen Zugang bekomme. Andererseits scheine ich auch durch
meine detaillierten Nachfragen das genauere hinsehen zu schulen. Oft
bekomme ich bei Beschreibungen die rückmeldung, jemand habe etwas nur
durch meine Nachfragen wahrgenommen, der visuelle Eindruck wäre ihr
entgangen, wenn sie das Bild betrachtet hätte, ohne es mir beschreiben
zu müssen. Beispielsweise konnte man beim Foto einer Straßenbahn durch
Türen und jFenster in die Bahn schauen und durch die Fenster auf der
anderen Seite menschen sehen, die auf der anderen seite der Tram und
Straße entlangliefen. Sie waren sehr verschwommen, aber doch deutlich
zu sehen. Das hätte meine Beschreiberin nach ihren eigenen Worten ohne
die Aufgabe der Beschreibung gar nicht wahrgenommen. Andererseits
sagte mir eine Dame, die sich seit einigen monaten regelmäßig mit mir
zum gemeinsamen Lesen von Texten und persönlichem Austausch trifft,
sie würde sich wieder mehr auf das Fühlen konzentrieren, seit sie mir
häufig begegne und immer mehr über meine Art der Wahrnehmung erfahre.

So ergänzen sich sehr unterschiedliche Wahrnehmungsweisen und fließen
ineinander über, verschmelzen zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung von
sinnlichen Sinnes-Eindrücken. Ich empfinde diesen Prozess der
gegenseitigen Annäherung und des Perspektivwechsels als besonders
bereichernd bei dieser Arbeit, ob nun im seminar beim Fotografieren,
beim Tanzen oder bei anderen, ähnlichen projekten.

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Rettender Fischer

Katrin schreibt dazu:

Meine Hände gleiten langsam und behutsam über die kleine
Bronzeskulptur. Das Material fühlt sich kühl an. Soweit ich weiß, wird
es auch bei Tastmodellen im Freien verwendet. Ich erinnere mich an ein
klatschnasses Modell der Innenstadt von Bayreuth. Daher suggeriert es
für mich eine leichte Feuchtigkeit. Erst später wird mir klar, dass es
einen Mann darstellt, der eine Frau offensichtlich aus dem Wasser
rettet oder das zumindest dies der/dem betrachteter/in vermittelt
werden soll. Ich nehme zunächst vor allem den Mann wahr, in dessen
Armen eine Frau liegt. Wäre ihr Kopf nicht so weit zurückgeneigt und
hingen ihre Gliedmaßen nicht so schlaff herab, würde man denken, dass
sie schlafend dargestellt ist. Im Nachhinein ist klar, dass sie
ohnmächtig sein soll und von dem Mann in sicherheit getragen wird.
Mich beeindrucken die starken Details, von den fein dargestellten
Haaren über die gesichter und die Kleidung bis hin zu den Fingern und
Zehen. Bei einer solchen Tasterfahrung herrscht immer eine fast
feierliche, versonnene Stimmung. Ich empfinde stets Ehrfurcht vor
der/dem und Bewunderung für die/den Künstler/in. Selbst bin ich
handwerklich ziemlich unbegabt, sicher auch mangels Übung. Ich arbeite
gern mit den Händen, was ja auch hier mit eine Rolle spielt. Sie sind
gut zum tasten geschult. Aber etwas Schöpferisches damit zu gestalten,
fällt mir eher schwer, sieht man jetzt einmal vom Tipen auf der
Tastatur ab, bei dem auch der eine oder andere kreative Text dabei
heraus kommt. Deshalb bin ich immer sehr erstaunt darüber, was andere
Menschen aus Ton, Holz oder hier eben Bronze Künstlerisches schaffen
können.

Warum hier ausgerechnet ein „rettender Fischer“ dargestellt wurde,
entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Wurde selbst einmal etwas
ähnliches erlebt oder beobachtet? Als was empfand man sich: Als den
Rettenden oder die ohnmächtige, die gerettet werden musste?

Bronzeskulpur eines Seenotretters, der seine Gerettete auf Händen trägt

(c) Villa Oppenheim

Bild von Katrin, Beschreibung von Sandra

Das vertikal fotografierte Bild zeigt eine Skulptur der Sammlung der Villa Oppenheim. Die Skulptur trägt die Titel „Fischer“ und „gerettet“, ist ca. 45cm groß und auf einem weißen, schmalen und etwa einem Meter hohen quaderförmigen Podest platziert. Das Podest ist nicht in seiner ganzen Größe zu sehen; es nimmt etwas mehr als das untere Drittel des Bildes ein. Die Skulptur selbst befindet sich direkt im Zentrum des Bildes. In ihrem tiefen, dunklen und glänzendem Braun, hebt sie sich in starkem Kontrast zur weißen Wand und zum weißen Podest ab.
Die Skulptur zeigt einen schreitenden Mann, der eine leblos daliegende Frau in seinen Armen hält. Er trägt einen Helm und Stiefel. Seine Jacke ist an den Ärmeln hochgekrempelt. Der Stoff der Jacke wirft an Ärmeln und Vorderseite Falten. Nach oben zum Hals hin ist die Jacke geöffnet; ein kleiner Bereich seines Brustkorbs ist zu sehen. Das Gesicht des Mannes liegt im Schatten seines Helmes und ist deshalb eher schemenhaft zu erkennen. Er trägt einen Vollbart. Gesichtsfalten die das Gesicht älter wirken lassen, sind zu erahnen. Sein linkes Bein ist angewinkelt nach vorne gestellt und trägt auf dem Oberschenkel die Hüfte der Frau. Die Frau liegt mit ihrem Oberkörper im rechten Arm des Mannes. Seine Hand greift unter ihrer Achsel zum rechten Rippenbogen der Frau hindurch; ihr Arm hängt leblos herunter. Sein linker Arm ist gestreckt und greift von oben ihr rechtes, angewinkeltes Bein oberhalb der Kniekehle. Hier treffen sich die Hände der beiden Personen: Ihre nach oben geöffnete Hand liegt abgelegt auf ihrem Oberschenkel und berührt mit den Fingern den Handrücken oberhalb seines Daumens. Ihr linkes Bein fällt über das angewinkelte Bein des Mannes. Beide Füße zeigen mit ihren Fußspitzen leblos Richtung Boden. Die Frau hat sehr langes, feinsträhniges Haar welches einen Bogen wirft, da es mit seinen Haarspitzen – für die Betrachter_innen nicht sichtbar – irgendwo zwischen Oberkörper und Arm zu klemmen scheint. Ihr Brustkorb ist zu den Betrachter_innen gewandt. Ihr knielanges Kleid oder Hemd wirft Falten, wirkt nass und transparent. Ihre Brüste zeichnen sich dadurch deutlich ab. Ihr junges Gesicht mit seiner glatten Haut ist ebenso zu den Betrachter_innen des Bildes gewandt. Der hängende Kopf, die geschlossenen Augen und das ausdruckslose Gesicht, unterstreichen den leblos wirkenden Körper der Frau. Die detaillierte und filigrane Arbeit des Künstlers, wird auf diesem Bild schön wiedergegeben.

Ein Kommentar

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